Wie viel Einfluss haben die Sterne auf unser Leben?

Plädoyer für einen schöpferischen Umgang mit der Astrologie

Jeder Mensch wird unter ganz bestimmten Planetenkonstellationen geboren, die einzigartig sind. Andererseits gibt es aber auch zahlreiche Konstellationen, die immer wiederkehren. Besonders auffällig ist das bei unserem Erdmond, der jeden Monat einmal den ganzen Tierkreis durchwandert und deshalb immer wieder einmal im gleichen Zeichen steht. Aber auch Merkur, Venus, Sonne und Mars wandern, von der Erde aus gesehen, recht rasch durch die einzelnen Zeichen, so dass sie in etwa jedes Jahr einmal in jedes Zeichen zurückkehren. Aus diesem Grund gibt es nicht nur Menschen mit gleichem Sonnenzeichen (umgangssprachlich: gleichem „Sternzeichen“), sondern auch Menschen mit gleicher Mond-Position, gleicher Merkur-Position etc. Insofern sind nicht nur alle Widder (alle im Sonnenzeichen Widder Geborenen) einander ähnlich, sondern auch alle Menschen mit Stier-Merkur, Waage-Mars etc.

Welche Bedeutung hat nun diese Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit zwischen Menschen? Ist es ein unabwendbares Schicksal unter bestimmten astrologischen Konstellationen geboren zu sein oder bestimmt doch der Mensch, wohin ihn sein Weg führen wird? In der Tat ist dies eine der ältesten Fragen, die sich Menschen jemals gestellt haben. Ist alles (von den Göttern, dem Karma etc.) vorherbestimmt oder haben wir die Freiheit der Wahl? Die Antwort auf diese Frage hat sich jedoch selbst unter Astrologen in den letzten Jahrzehnten gravierend verändert. Noch um die Mitte des 20. Jahrhunderts waren weitaus die meisten Astrologen der Ansicht, das individuelle Schicksal sei vollkommen festgelegt und unabwendbar. Jemand mit Merkur Quadrat Saturn im Geburtshoroskop, um ein Beispiel zu nennen, wäre damals wohl als Stotterer oder besonders schweigsam beschrieben worden und man hätte ihm auch relativ wenig Möglichkeiten eingeräumt, dies jemals zu ändern. „Die Sterne lügen nicht“ und „niemand kann gegen seine Natur ankämpfen“ waren Sätze, die dieses Credo zum Ausdruck brachten. Klassische Astrologen sehen das wohl noch heute so und dieser Standpunkt ist auch nicht vollkommen falsch, aber die moderne psychologische Astrologie räumt dem Menschen mehr Möglichkeiten ein, gesteht ihm mehr Freiheit und Veränderungspotential zu.

Um genauer zu verstehen, wie es zu einem solchen Bewusstseinswandel im Verständnis der Astrologie kommen konnte, möchte ich zunächst beschreiben, wie die Astrologie überhaupt zu ihren Aussagen kommt. Wie ist es möglich, anhand von Planetenkonstellationen auf die Persönlichkeit eines Menschen zu schließen? Nun, die Astrologie ist in erster Linie eine Methode, um Zeitqualitäten festzustellen. Wie man mit der Uhr die Quantität der Zeit misst (genaugenommen ist die Zeit auch nur eine Beschreibung von räumlichen Bewegungen; schließlich sind 365 Tage die Zeit, in der sich die Erde einmal um die Sonne dreht, 24 Stunden sind die Zeit, in der sich die Erde einmal um ihre eigene Achse dreht etc.. So etwas wie „Stunden“, „Minuten“, „Sekunden“, „Wochen“ etc. sind vom Menschen willkürlich festgelegte Einheiten, die räumliche Bewegungen beschreiben), so misst man mit einem Horoskop die Qualität der Zeit. So haben die Menschen im Monat Mai seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden, Frühlingsfeste und Hochzeiten gefeiert. Der Mai ist astrologisch „Stier-Zeit“ und das Zeichen Stier wird von Venus regiert, die für sinnliche Genüsse, Freude, Schönheit, Weiblichkeit und Fruchtbarkeit steht. Die Stier-Zeit beschreibt also eine freudvolle, sinnliche Zeit und es ist wohl kein Zufall, dass im Mai besonders gern geheiratet wird. Und wie die Sonne jedes Jahr ein Monat im Stier steht, so tut das der Mond jeden Monat für zweieinhalb Tage. Einmal jährlich steht der Merkur für drei bis neun Wochen im Stier, Venus für vier bis 18 Wochen und Mars etwa alle zwei Jahre für einige Wochen bis mehrere Monate. Die unterschiedlichen Zeiten ergeben sich daraus, dass die Planeten regelmäßig rückläufig werden (von der Erde aus gesehen im Tierkreis zurückzulaufen scheinen). Die Planeten weisen dabei auf die Erfahrungsebenen hin und die Zeichen, durch die sie sich bewegen, legen die Themen fest, um die es geht. Mit Venus (lieben, feiern, genießen) in Zwillinge (Verstehen, Denken, Kommunikation) entdecken wir beispielsweise unsere Liebe zu Büchern und zum Sprechen. Merkur (denken, handeln, tricksen) in Zwillinge hat das Bedürfnis möglichst viel in Bewegung zu bringen, zu verhandeln, Geschäftskontakte aufzubauen, und besonders viel zu reden. Mars (anfangen, losstürmen, impulsiv sein) in Zwillinge neigt dazu, zuerst zu reden und dann zu denken, er beginnt hundert Dinge gleichzeitig und ist einfach nicht zu bremsen in seinem Kaufrausch.

Die hohe Kunst der Astrologie besteht darin, diese Symbolsprache intuitiv zu erfassen und in verständliche Worte zu übersetzen. Die einzelnen Planeten in Zeichen und Häusern sowie in unterschiedlichen Aspekten zueinander (Aspekte sind Winkelbeziehungen zwischen Planeten; so wird ein 120-Grad-Winkel als „Trigon“ bezeichnet und ein 90-Grad-Winkel als Quadrat) beschreiben die Qualität von Zeit, sie beschreiben auch die Themen, um die es geht und die Erfahrungsbereiche, die angesprochen sind. Nehmen wir als Beispiel den Planeten Saturn. Saturn wird in der Astrologie mit Begriffen wie: Bremser, Hemmschuh, großer Lehrer, Prüfstein, das Dunkle, die Schwere, die Enge, Verantwortung, das Wesentliche, der Unglücksbringer etc. assoziiert. Wenn Saturn nun im dritten Haus eines Menschen steht, das mit Kommunikation und Sprache in Verbindung gebracht wird, so treffen die oben genannten Bilder von Saturn auf den Bereich der Kommunikation dieses Menschen zu. Ein Mensch mit Saturn im dritten Haus hat Schwierigkeiten mit Sprache und Kommunikation. Oder doch nicht? Die klassische Astrologie wäre zweifellos zu dieser Aussage gelangt. Die psychologische Astrologie ist jedoch bescheidener, sie würde Saturn in 3 (im dritten Haus) als angeborene Schwäche im Bereich der Kommunikation und Sprache beschreiben. Das ist jedoch kein unabwendbares Schicksal und verurteilt niemanden zum Stottern oder zum Autismus. Wenn wir die breite Palette der obigen Symbolik ansehen, wird das leicht verständlich: Saturn ist eben nicht nur der große Bremser und Unglücksbringer, sondern er ist auch der Lehrmeister und derjenige, der die Dinge auf den Punkt bringt, unerbittlich auf unsere Schwäche hinweist, uns zu großen Taten antreibt, unserem Ehrgeiz Nahrung gibt etc.

Die „kognitive Wende“ der Astrologie besteht also darin, die Palette der Möglichkeiten erweitert zu haben. Die psychologische Astrologie redet von „sowohl als auch“ und von „Und-und-Beziehungen“, anstatt von „Entweder-oder-Beziehungen“. Wie die Psychologie erkannt hat, dass der Streit von „angeboren oder erlernt“ ein Scheinproblem und beides wahr ist, akzeptiert auch die Astrologie heute beide Standpunkte als gleichermaßen wahr. Konkret bedeutet das, dass ein Mensch mit Saturn im dritten Haus sehr wohl stottern könnte oder anfänglich (am Beginn seines Lebens) sehr sehr schweigsam sein kann. Und möglicherweise bleibt das sein Leben lang so. Wer kann das wissen? Die Astrologie sagt nichts über die Bewusstseinshöhe eines Menschen und nichts über konkrete Erfahrungen, also darüber, wie jemand seine Anlagen lebt. (Vgl.: angeblich hatten Mahatma Gandhi und Adolf Hitler sehr ähnliche Horoskope und im Leben beider ging es um die Themen Gewalt sowie Macht und Ohnmacht. Und doch haben beide diese Anlagen völlig unterschiedlich gelebt.) Die Astrologie legt also die Themen fest, das Horoskop beschreibt unsere Anlagen. Was wir im Laufe unseres Lebens daraus machen, ist allerdings unsere Sache und hängt davon ab, wie unsere Umwelt gestaltet ist, in welcher Gesellschaft wir geboren wurden, ob und wie wir von unseren Eltern gefördert oder eingeschränkt wurden, wer unsere Lehrer waren etc. Ein Mensch mit Saturn im dritten Haus wird immer das Gefühl haben, im Bereich der Kommunikation eine angeborene Schwäche zu haben, Kommunikation wird ihm von vornherein nicht leicht fallen, aber in Kenntnis und vollem Bewusstsein dieser Schwäche ist es durchaus möglich, dass ein solcher Mensch eine brillantere, genauere und schönere Sprache entwickelt als manch anderer, der von Geburt an keine Probleme damit hatte. Und dies deshalb, weil Saturn immer wieder seine Finger in diese Wunde legt und immer wieder auf diese Schwäche hinweist und uns in diesem Bereich zu großer Anstrengung und besonderem Ehrgeiz antreibt. Und schließlich gibt er uns als Geschenk ein gutes Gefühl dafür, was wir selbst zu erreichen in der Lage sind. Der Bereich, in dem Saturn steht markiert schließlich auch den Bereich, wo wir zu größtem Wachstum fähig sind und schließlich stolz darauf sein können, was wir erreicht haben.

So gesehen haben die Sterne keinen Einfluss auf unser konkretes Leben. Sie legen nicht unabwendbar fest, was unser Schicksal sein wird. Die Konstellationen in einem Horoskop legen lediglich fest, auf welche Art und Weise wir bestimmte Lebensbereich erleben werden, durch welche Filter wir wahrnehmen und welcher Herangehensweisen wir uns bedienen. Psychologisch ausgedrückt beschreibt das Horoskop die seelischen Komplexe, die unser Leben steuern, aber auch bereichern. Je mehr Bewusstsein wir entwickeln konnten, desto weniger wird Schicksal „unabwendbar“ sein.

Anders ausgedrückt legten und legen Astrologen ebenso wie Menschen, die sich nicht mit Astrologie beschäftigen, ihr Leben selbst fest, indem sie in jedem Moment die Realität erschaffen, die sich ihnen zeigt. Wir alle haben im Laufe unserer Erziehung durch Eltern und Lehrer „Glaubenssätze“ aufgebaut, die unsere Realität erschaffen. Welche Realität sollte denn ein Mensch erleben, der sich seit 40 Jahren ununterbrochen sagt: „das könnte ich nicht“ oder „die Beziehung wird sowieso wieder scheitern“ oder „Männer sind doch alle gleich“ oder „es wird sowieso alles immer schlimmer“ etc.? Und welche Realität wird jemand erschaffen/vorfinden, der sich Sätze wie „das ist überhaupt kein Problem“ oder „ das ist ganz leicht“ oder „das wäre doch gelacht“ etc. eingeprägt hat? Diese Glaubenssätze, die wir alle ununterbrochen abrufen, wirken wie Mantras, die jene Realität manifestieren, die wir dann tatsächlich vorfinden. Es ist also an der Zeit, unsere inneren Glaubenssätze zu überprüfen und durch positivere, bekräftigende zu ersetzen, sofern wir negative vorfinden. Ich erwähne das, weil auch die Arbeit mit Horoskopen schöpferisch ist. Wir haben die Wahl uns vor dem Negativen zu fürchten (das Negative herbei zu fürchten) oder Chancen zu sehen. Wieder ein einfaches Beispiel: Saturn bewegt sich ins Quadrat zu Venus. Die traditionelle Sicht würde zu folgendem Schluss kommen: schwere Beziehungskrise oder Scheitern einer bestehende Beziehung. Doch wir haben die Wahl, die Chance und breitere Perspektive zu sehen. Saturn ist, wie wir gesehen haben, der Lehrmeister, derjenige, der prüft und Dinge auf den Punkt bringt, verwesentlicht. Ein Quadrat drückt eine Spannung aus. Saturn im Quadrat zur Venus könnte auch bedeuten, dass unser Partner ernstere Absichten hat als wir, dass die Basis unserer Beziehung in Frage gestellt wird, dass wir es endlich wagen auch ernstere Themen anzuschneiden und die Beziehung auf eine reellere Basis zu stellen, ja sogar, dass wir uns mit Heiratsplänen befassen (Saturn als Prinzip der Verantwortlichkeit). Hören wir also auf, ständig schwarz zu sehen und uns vor den Sternen zu fürchten! Es ist viel kreativer und nutzbringender, die Prinzipien der Astrologie in einen sehr breiten symbolischen Rahmen zu stellen und selbst festzulegen, welche Chancen uns eine Erfahrung bieten könnte. Mit Saturn-Venus werden wir um ernste Themen nicht herumkommen, aber es gibt keinen Grund, dies von vornherein negativ zu sehen. Wenn es Dinge zu klären gibt, sollen sie geklärt werden und wenn es Dinge zu feiern gibt, sollen sie gefeiert werden! Wenn Saturn in Waage steht (was er noch bis Oktober 2012 tun wird) könnte die Entsprechung verhärtete Beziehungen, Schulden oder Einschränkungen im gesellschaftlichen Wohlstand bedeuten, aber auch konkrete Schritte in Richtung einer Entspannung diplomatischer Beziehungen, Schuldenabbau oder Besinnung auf das Wesentliche. Wir haben die Wahl! Welche Wahl werden wir treffen?

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