Astrologie in der Krise?

Nach einem ungeahnten Boom der Astrologie in den 70-er und 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts, scheint mir die Astrologie heute in einer tiefen Krise zu stecken. Einige wenige gute Astrologen mit fundierter Ausbildung in Sozialwissenschaften, Psychologie oder Psychotherapie stehen einer Vielzahl von halb gebildeten pseudowissenschaftlichen Möchtegern-Astrologen gegenüber. Letztere sind dann oft der Ausgangspunkt für sehr viel Häme und Spott von journalistischer oder wissenschaftlicher Seite. Zur Recht, wie ich meine! Auch Holger Faß schreibt im aktuellen Meridian von der Tendenz vieler Astrologen, sich mit halb-wissenschaftlichem Beiwerk zu schmücken. Man nehme ein bisschen halb verdaute Quantenphysik, etwas Hirnphysiologie und dort ein bisschen Geowissenschaft und schon glaubt der Astrologe besonders wissenschaftlich und gebildet rüberzukommen. In Wahrheit zerstören solche Astrologen aber den Ruf der ganzen Zunft. Um Holger Faß zu zitieren: „Mit Wischiwaschi-Geplänkel, demnach die Quantenphysik irgendwie die Astrologie bestätige, ist es nicht getan. Wer astrologische Forschung betreiben will, muss mindestens die Grundlagen empirischer Sozialforschung beherrschen; sonst macht er sich lächerlich – zu Recht.“ (Holger Fass in Meridian 2/2011)

Hinzuzufügen ist noch, dass die sogenannte „Königsdisziplin“ Mundanastrologie, also jener Zweig der Astrologie, der sich mit dem Weltgeschehen beschäftigt,  von vornherein nichts für einfache Gemüter ist. Immerhin ist dazu sehr großes Wissen über Politik, Geschichte, Finanzmärkte, unterschiedliche Kulturen, Religionen, Weltanschauungen und über die großen Zusammenhänge in der Welt erforderlich. Die Meister dieses Faches, wie zum Beispiel Claude Weiss oder Raymond Merriman, beschäftigen sich seit vielen Jahrzehnten mit diesem Fachgebiet. Und bei der Lektüre ihrer Analysen fällt auf, dass sie äußerst zurückhaltend mit konkreten Prognosen umgehen. Diese Zurückhaltung oder Demut würde in der Tat vielen Astrologen gut tun. Was beispielsweise angesichts der aktuellen Ereignisse in Japan und Nordafrika an astrologischen Analysen in diversen Foren gepostet wird, ist teilweise wirklich haarsträubend und obendrein noch gefühllos und unmenschlich. Ich wage mal zu behaupten, dass kein einziger Astrologe auf diesem Planeten das große Erdbeben in Japan vorausgesagt hat. Hinterher sind natürlich viele wieder klüger. Wir können hier – erste Reihe fußfrei – die Wirkung so mancher Profilneurose erleben. Der Mechanismus ist immer der gleiche: kaum passiert etwas wirklich Schreckliches in der Welt, kriechen sofort die diversen selbsternannten Propheten aus ihren Löchern und beteuern: „Ich hab es euch ja gesagt!“ In Wahrheit haben sie nichts gesagt und sagen auch jetzt nichts, was einige Substanz hätte. Dafür müssen dann gleich wieder Nostradamus, die Maya oder  irgendein anderer Weltuntergangsprophet herhalten. Die Astrologie dient hier als Projektionsfläche für eigene Ängste, Wunschträume und Phantasien. Und in dieser Gefahr sind wir als Helfer und ganz besonders als Astrologen immer. Auch deshalb würde uns mehr Demut und Bescheidenheit sehr gut tun! Wenn wir uns nicht vollkommen lächerlich machen wollen, sollten wir außerdem auf die Aussagegrenzen der Astrologie achten. Denn die Erkenntnisse, die wir aus den planetaren Konstellationen gewinnen können, sind in der Tat recht bescheiden.

Aussagegrenzen der Astrologie

Wir sind aufgerufen, uns immer wieder zu vergegenwärtigen, was die Astrologie NICHT kann. Diese Aussagegrenzen sollen im Folgenden kurz skizziert werden:

  • Die Astrologie ist nicht in der Lage, konkrete Situationen vorauszusagen. Sie beschreibt lediglich den Zeitgeist, bestimmte vorherrschende Stimmungen, Themengebiete und Tendenzen.
  • Die Astrologie kann uns nichts darüber sagen, wie alt ein Mensch werden wird, welche Krankheiten er eventuell bekommt oder welche Schicksalsschläge ihm widerfahren werden.
  • Die Astrologie kann uns nichts über die grundsätzliche Lebenszufriedenheit eines Menschen sagen. Sie kann lediglich Hinweise liefern, welcher Elemente er bedarf, um glücklich werden zu können oder sein Potenzial bestmöglich zu leben.
  • Das Radix (Geburtshoroskop) eines Menschen sagt nichts über seine Bewusstseinshöhe oder seine Ethik aus. Aus dem Radix ist auch nicht erkennbar, ob es sich um das Geburtshoroskop eines Menschen, eines Legehuhns oder das Gründungshoroskop eines Großkonzerns handelt.
  • Das Horoskop liefert uns ebenso wenig Hinweise auf die psychologische Reife eines Menschen. Es zeigt uns, wie jemand seinen Reifungsprozess voranbringen kann, aber nicht, wo jemand steht.
  • Faktoren wie Intelligenz, Behinderung oder dergleichen sind aus dem Horoskop nicht ablesbar. Es kann uns lediglich Hinweise liefern, wie jemand am besten lernt (Bsp.: Braucht jemand viel geistige Anregung oder praktische Beispiele? Interessiert jemand sich eher für abstrakte Philosophie oder für gefühlsintensive Geschichten?).
  • Das Horoskop liefert uns keine Hinweise, welchen Beruf jemand erlernen soll, sondern nur, welche Voraussetzungen sein Beruf haben muss, damit er zufrieden ist. Martin Seligmann*) würde – sofern er sich mit Astrologie beschäftigte – vermutlich formulieren: das Horoskop zeigt uns, welche die Signaturstärken eines Menschen sind.
  • Die Astrologie ist nicht in der Lage zu bewerten, welche Partner ideal für uns sind oder welche Partnerschaft von Dauer sein wird. Sie kann lediglich Anhaltspunkte liefern, in welchen Bereichen wir harmonieren werden und in welchen es Kommunikationsschwierigkeiten geben wird.

Ähnliches gilt natürlich auch für die Mundanastrologie. Um ein Beispiel zu nennen: Saturn auf der Sonne eines Landes symbolisiert für dieses Land die Erfahrung von Enge, von begrenzten Möglichkeiten oder härteren Zeiten. Die konkreten Auswirkungen können jedoch nicht vorausgesagt werden. Hier erst setzt die astrologische Forschung an. Wir können uns ansehen, welche Erfahrungen in diesem Land bei allen früheren Übergängen von Saturn über die Sonne gemacht wurden. Wir können die politischen Strukturen – sofern wir etwas davon verstehen – einschätzen und die Entwicklungen der letzten Jahre betrachten und dann gewisse wahrscheinliche Entsprechungsmöglichkeiten voraussagen. Eine derart konkrete Aussage wie: „Der Präsident wird am soundsovielten von einem religiösen Fanatiker erschossen“, ist jedoch anmaßend und ziemlich sicher falsch.

Inflation der astrologischen Faktoren

In den letzten Jahren beobachte ich auch eine Tendenz immer neue Faktoren in die astrologische Deutung einzubeziehen, die ich für problematisch halte. Es ist schwer genug, die Symbolsprache der Astrologie halbwegs zu verstehen, wenn wir nur die klassischen Planeten und die drei Trans-Saturnier (Uranus, Neptun, Pluto) berücksichtigen. Wir brauchen nicht auch noch unzählige Asteroiden, Fixsterne, heliozentrische Deutungen und vieles andere mehr. Kein Psychologe würde für ein Gutachten 30 oder 40 psychologische Tests mit einem Menschen machen. Und kaum ein Proband/Klient würde das auch mitmachen. Astrologen aber glauben 20, 30 oder gar mehr Faktoren berücksichtigen zu müssen. Und besonders schlimm wird es dann, wenn die klassischen Elemente kaum noch in die Deutung mit einbezogen werden. Selbstverständlich soll es jedem überlassen werden, auch neue Elemente in die Deutung mit einzubeziehen, allerdings nur mit der gebotenen Vorsicht. Wenn wir bedenken, dass von den drei Trans-Saturniern nur Uranus den Tierkreis seit seiner Entdeckung mehr als zwei Mal umkreiste und Neptun das gerade erst einmal tat, so müssen wir bescheiden werden hinsichtlich der Kenntnis dessen, was uns diese Planeten über die Zeitqualität aufzeigen können. Pluto zum Beispiel wird den Tierkreis seit seiner Entdeckung erst im Jahr 2179 einmal durchlaufen haben. Was können wir also über diesen Planeten wissen? Fast nichts. Und für die Asteroiden gilt das umso mehr. Sie werden teilweise erst seit wenigen Jahren berücksichtigt.

Zeitqualität 2010 bis 2020

Welche Aussagen können also, mit aller Vorsicht und Bescheidenheit, für unser Jahrzehnt aus astrologischer Sicht gemacht werden? Wir sehen am Himmel ein Pluto-Uranus-Quadrat und dazu kommen Neptun und Chiron, die durch Fische transitieren. Relativ kurzfristig tritt auch Saturn noch einmal in diese Konstellation, der am 28. März 2011 das letzte Mal eine Opposition mit Jupiter bildet und zwischen Mai und Juli 2011 noch einmal in einem annähernden Quadrat mit Pluto steht. Pluto in Steinbock symbolisiert eine Transformation von Machtstrukturen und allen Arten von Hierarchien. Uranus in Widder hingegen hat zu tun mit neuer Technik, Neuerungen in der Kriegsführung, im Verkehr und in der Energiepolitik. Ganz allgemein können wir also vermuten, dass insbesondere jene Mächtigen in Politik, Kirche und Großkapital besonders herausgefordert werden, die uns schon jahrelang belügen bzw. die sich auch selbst ob ihrer „Wahrheit“ etwas vormachen. Wir dürfen damit rechnen, dass ihre Machenschaften immer stärker aufgedeckt werden und sie durch solche Führer ersetzt werden, die etwas mehr Bodenhaftung und Draht zum Volk haben. Dies könnte eventuell in Zusammenhang stehen mit großen Skandalen (Veruntreuungen, Missbrauch, Korruption), Naturkatastrophen oder knapper werdenden Ressourcen.

Zum Jupiter-Saturn-Zyklus, der am 28. Mai 2000 begann und jetzt seinen Höhepunkt (Vollmond-Phase) überschreitet, ist noch zu sagen, dass er zu einer Zeit begann, als gerade die Dotcom-Blase platzte. Die Konjunktion der beiden Planeten fand auch im Zeichen Stier statt, dem Zeichen der Materie und des Geldes. Es ist demnach am Höhepunkt dieses Zyklus vorstellbar, dass es wieder markante Ausschläge an den internationalen Börsen geben wird. Neptun und Chiron in Fische hingegen weisen in eine ganz andere Richtung. Diese Planetenstellung hat zu tun mit Spiritualität, Suche nach innen, Heilung, Gesundheits- und Wellness-Themen, sozialer Gerechtigkeit und möglicherweise auch Okkultismus, Süchten und einer gewissen Weltflucht.

Kurz zusammengefasst könnte man das jetzt laufende Jahrzehnt so beschreiben: während in der äußeren Welt viele alte Strukturen zusammenbrechen, bilden sich unter der Oberfläche neue Visionen von mehr Menschlichkeit und eine ganz neue Spiritualität. Wir dürften in dieser ganzen Zeit mit einem raschen Wechsel positiver Entwicklungen und vermeintlichen oder tatsächlichen Katastrophen-Szenarien konfrontiert sein. Alles in allem eine ziemlich anstrengende, aber auch lebendige Zeit. Die Chinesen würden in so einem Fall wohl wünschen: „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“

Pluto in Steinbock

Wenn wir bedenken, dass Pluto seit 2008 nicht mehr im Schützen, dem Zeichen der Expansion, der Bildung und teilweise auch der allzu optimistischen Übertreibung oder sogar Hochstapelei, steht, so können wir vermuten, dass die derzeitige Krise auch die Bildungssysteme betrifft. In den letzten Jahren sind auch im Bereich der Astrologie und Esoterik unzählige Ausbildungen und sogenannte Curricula aus dem Boden gestampft worden, die sich mit allen möglichen esoterischen Themen befassten. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, die Quantität der Ausbildungen sei mehr wert als die Qualität. Aber Pluto bewegt sich jetzt im Steinbock und die Zeitqualität hat sich geändert. Allmählich gewinnt Qualität wieder an Bedeutung; der Steinbock holt uns auf den Boden der Tatsachen zurück. Fakten und berufliche Erfahrung sind jetzt viel wichtiger als unendlich lange Liste von Kurz-Ausbildungen, wie sie auf so mancher Website von Esoterikern und Astrologen zu finden sind. Auch das beliebte Name-Dropping (Nennung von vermeintlichen Größen der Szene, von Wissenschaftlern, Philosophen, etc.) wirkt inzwischen im günstigsten Fall unseriös und im ungünstigeren nur peinlich.

Während der nächsten Jahre (bis 2018) bildet zusätzlich Uranus ein Quadrat zu Pluto im Steinbock. Und das, was Mitte der 60-er Jahre gesät oder grundgelegt wurde, kommt jetzt deutlicher denn je zum Ausdruck. Umgekehrt wird auch all das zerfallen, was keinen Boden hat, was keine gesunden Wurzeln bilden konnte.

Vielleicht betrifft diese Durchbruchskrise ja auch ganz unmittelbar die Astrologie selbst. Damit ginge es jetzt darum, Nägel mit Köpfen zu machen und nicht mehr hemmungslos drauf los zu plappern, sondern uns zu professionalisieren und die Astrologie auf eine seriösere Basis zu stellen. Vielleicht ist diese Krise der Astrologie auch eine Chance, endlich aus der Hobby-Astrologen-Ecke herauszukommen und qualitative Standards festzulegen, die die Astrologie mittelfristig zu einer ernstzunehmenden Disziplin machen. Mit der Psychotherapie passierte in Österreich in den 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts ähnliches. Damals gab es Therapeuten mit einer 2-wöchigen Ausbildung neben solchen mit einer 7-jährigen Ausbildung und einem Universitätsstudium der Psychologie und/oder Medizin. Und alle nannten sich Psychotherapeuten und durften auf leidende Menschen losgelassen werden. Sicher garantiert ein Universitätsstudium noch nicht, dass jemand mit Menschen umgehen kann. Und es mag auch unter den sehr kurz ausgebildeten Psychotherapeuten einige sehr begabte Leute gegeben haben. Aber der Großteil wird doch, ähnlich wie das viele Astrologen heute tun, irgendwie „herumgefuhrwerkt“ haben. Doch dann kam glücklicherweise das Psychotherapie-Gesetz, das 1991 in Kraft trat. Auch das hat zweifellos Schwächen, aber viele betrachten es dennoch als das beste in ganz Europa. Und es definiert Standards ohne die niemand sich in Österreich heute Psychotherapeut/Psychotherapeutin nennen darf. Den Astrologen würde ähnliches sehr gut tun.

Literatur

Faß, Holger (2011). Meridian – Fachzeitschrift für Astrologie, Ausgabe 2/2011.
Seligmann, Martin (2010). Der Glücksfaktor. Warum Optimisten länger leben. Bastei Verlag.

2 thoughts on “Astrologie in der Krise?

  1. Solange keine Katastrophen anliegen, gerät die Astrologie in den Hintergrund. Sie bekommt jetzt wieder Aufschwung. Schrecklich das immer erst etwas Schlimmes passieren muss.

  2. Pingback: Astrologie, kritisch betrachtet « hofastro

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