Projektion

Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul.

Wenn wir über andere Menschen sprechen, sagen wir damit immer auch sehr viel über uns. Oft ohne uns dessen bewusst zu sein. Diesen psychologischen Mechanismus nennen wir in der Psychologie Projektion. Das Wort kommt vom lateinischen proicere und bedeutet vorwerfen, hinwerfen, wegwerfen. Und genau darum geht es in der Projektion, etwas wird hinausgeworfen oder vorgeworfen.

Projektion ist allgegenwärtig. Wenn wir auch nur einen Fuß auf die Straße setzen oder eine Tageszeitung aufschlagen, eine Nachrichtenseite im Internet, einen Blog, ein Internetforum aufsuchen oder uns an unserem Arbeitsplatz mit KollegInnen und KundInnen konfrontiert sehen, begegnet sie uns unentwegt.

Was bedeutet Projektion? Die Psychoanalyse versteht darunter die Verlagerung eines innerpsychischen Konflikts auf andere Menschen oder Menschengruppen. Die Projektion gehört damit zu den Abwehrmechanismen. C.G. Jung geht in der Analytischen Psychologie davon aus, dass wir insbesondere unseren Schatten nach außen projizieren. Das bedeutet, alles was ich bei mir selbst nicht wahrhaben will (was im Schatten, also im Unbewussten liegt), projiziere ich nach außen und identifiziere ich prompt in meinem bösen Nachbarn, einem Arbeitskollegen, einer anderen religiösen Gruppierung etc.

Kollektiv gesehen sind Projektionen der Motor und Kraftstoff jedes Krieges. Friedlich nebeneinander lebende Völker und Nationen werden plötzlich zu Feinden, weil die inneren Konflikte eines Volkes zu groß wurden und abgewehrt werden müssen. So geschehen etwa in der Zeit des Nationalsozialismus als eine vermeintliche oder tatsächliche Demütigung nach dem 1. Weltkrieg, gemeinsam mit einer Weltwirtschaftskrise und hohen Arbeitslosenzahlen für die Menschen so unerträglich wurden, dass sie begannen nach Feindbildern zu suchen. Plötzlich (oder wieder einmal) waren die Juden an allem Schuld. Wie überaus bequem! Ich bin ein guter Österreicher oder Deutscher, aber da draußen sind ganz böse Juden, die uns Übles wollen. Das Gleiche passiert natürlich auch heute überall auf der Welt. Wir identifizieren laufen neues Böses da draußen. Und so bekämpfen wir laufend neue Feinde, wir kämpfen gegen den Terror, gegen Staatsschulden, gegen Prostitution und was weiß ich noch alles. Und die schlechte Nachricht ist, ein solcher Kampf kann niemals gewonnen werden. Denn wir bekämpfen etwas im Außen, was in uns ist.

Ganz allgemein können wir beobachten, dass immer dann, wenn wir Einzelpersonen, Gruppen von Menschen oder Kollektiven mit starken Gefühlen begegnen, Projektionen am Werk sind. Dies gilt übrigens sowohl für positive wie für negative Gefühle. Wenn ich ganz plötzlich sehr verliebt bin, mich ein Mensch ganz außergewöhnlich fasziniert, ist ebenso eine Projektion wirksam, wie wenn mich Gefühle von Aggression oder gar Hass überwältigen. In der Verliebtheit projiziere ich lediglich andere Anteile meiner Persönlichkeit, nämlich solche, die ich zwar habe, aber mir vielleicht nicht eingestehe. „… so schön, intelligent, witzig, spontan, etc. bin ich nicht. Diese Person da draußen aber ist es! Sie ist meine Erlösung, die Erfüllung all meiner Sehnsüchte!“ In Wirklichkeit bedeutet das lediglich, dass ich diese positiven Eigenschaften oder Selbstzuschreibungen noch nicht verwirklicht habe oder mir nicht zutraue. Das tragische in diesem Fall ist, dass wir, sollten wir mit dieser Person in eine Beziehung gehen, mit der Zeit diese Eigenschaften auch entwickeln, quasi „heraus lieben“. Und im gleichen Maß wird dann der andere Mensch uninteressanter. Wir ent-lieben uns wieder. Psychologisch bedeutet das nur, dass die Projektion nicht mehr wirksam ist.

Im negativen Fall ist das noch weitaus häufiger. Wenn ich jemanden hasse, verachte, zutiefst ablehne, kann ich mit Sicherheit davon ausgehen, dass da in der Begegnung mit einem Anderen ein Persönlichkeitsanteil von mir angesprochen wurde. Psychologisch macht das Sinn, denn ich kann mich dann weiterhin in der Illusion wiegen, ich sei gut, edel, fromm, oder was auch immer. Lediglich der Andere ist böse. Aber das ist er nicht! Der Andere, gleich welcher Gruppierung, Rasse oder Religion er angehört, ist genauso ein Mensch wie ich, mit positiven und negativen Eigenschaften, mit Ängsten, Hoffnungen, Wünschen und Begierden.

Vom Mechanismus der Projektion ist übrigens auch schon im Neuen Testament die Rede, wenn Jesus sagt:

Den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, den siehst du; aber den Balken, der in deinem Auge ist, den siehst du nicht. Wenn du den Balken aus deinem Auge gezogen hast, dann wirst du klar genug sehen; um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen. (Thomas Evangelium; vgl. auch Mt 7,3 und Lk 6,41)

Insofern ist es sehr lohnend, genau hinzusehen, wann immer wir starke Gefühle in uns bemerken. Denn ICH liebe, hasse, werte ab, verurteile. ICH tue das! Insofern ist der Hass in mir, die Abwertung in mir, die Liebe in mir. Wahrscheinlich ist es aber notwendig, genau hinzusehen, um herauszufinden, was genau ich an dem anderen ablehne. Ein undifferenziertes „Ich hasse XY“, ist für die Selbsterkenntnis wenig hilfreich. Ich muss mir ganz bewusst machen, welche Eigenschaft es ist, die ich ablehne. Das erfordert Zeit und Mühe, wird aber mit zunehmender Selbsterfahrung, d.h. dann, wenn ich meinem Schatten schon öfters begegnet bin, immer leichter.

So könnte ich etwa über die Aussage: „Ich hasse meinen Nachbarn“, herausfinden, dass ich aggressiv werde, wenn er seine Musik so laut aufdreht und mich dann fragen: „Ja, was ist eigentlich mit MEINER Aggression?“ Plötzlich bemerke ich dann, dass ich immer wieder mal furchtbar wütend werde, meine Aggression aber üblicherweise nicht so zeigen möchte. Sie passt nicht in mein Selbstbild. Ich möchte mich lieber als friedlich und harmonisch sehen. Dann ist ein solcher Nachbar ein Geschenk des Himmels. Er lebt die Aggression für mich und ich bin fein raus…

C.G. Jung hat gesagt, dass der Prozess der Individuation (östliche Philosophien würden vielleicht „Selbstverwirklichung“ sagen) dadurch in Gang kommt, dass wir nach und nach unsere Projektionen zurück nehmen. Das sagt sich so leicht! Aber ich habe den Verdacht, dieses Zurücknehmen der Projektionen hört nie auf. Das Böse im Außen zu suchen ist ja auch viel einfacher, unkomplizierter und ich muss mich nicht mit mir selbst beschäftigen. Und da gibt es sogar Menschen, die behaupten, sich ständig mit sich selbst zu beschäftigen, sei irgendwie nicht gut. Was für ein Unsinn! Wenn WIR uns nicht einmal mit uns selbst beschäftigen wollen oder können, was für eine Zumutung wäre es dann für andere Menschen, sich mit UNS zu beschäftigen!

Und die Schamanen bzw. buddhistische, hinduistische, taoistische Traditionen gehen sogar davon aus, dass ich jedes Problem dieser Welt überhaupt nur IN mir lösen kann. Löse es IN dir und es ist in der Welt gelöst. Das oben zitierte Jesus-Wort scheint mir übrigens genau in die gleiche Richtung zu weisen.

Ich habe mir lange die Frage gestellt, wo wir im Geburtshoroskop Projektionen festmachen können und bin zu dem Schluss gekommen, dass das überhaupt nicht möglich ist. Wenn wir nämlich davon ausgehen, dass das Geburtshoroskop quasi eine Landkarte mit den Anlagen eines Menschen ist (z.B. Steinbock-Merkur: scharfer Denker, Fische-Mond: emotional besonders sensitiv, etc.), so ist damit ja noch nichts darüber ausgesagt, welche Eigenschaften in der Herkunftsfamilie, Kultur und Gesellschaft eines Menschen positiv verstärkt und damit gut entwickelt wurden und welche eher abgewertet und damit langfristig unterdrückt wurden. Der Schluss, Saturn sei ganz böse und würde damit sicher projiziert, ist damit unzulässig. Denn möglicherweise wurde der Mensch in eine intellektuelle Familie geboren, die sehr materialistisch eingestellt ist. Dann wäre wohl eher zu erwarten, dass Eigenschaften wie Verträumtheit, Sensibilität und Kreativität verdrängt würden. Der betreffende Mensch könnte dann die Faulheit und das Nichtstun von künstlerisch begabten Menschen abwerten. Der gleiche Mensch, in eine künstlerische Familie hineingeboren und in seinen kreativen Ambitionen unterstützt, könnte hingegen Materialismus und Rationalismus ablehnen und projizieren.

Um Projektionen oder das Potenzial für Projektionen im Horoskop eines Menschen aufzuspüren, ist es also notwendig, im persönlichen Gespräch sehr genau zu klären, welche Eigenschaften dieser Mensch gut und gerne lebt und welche ihm eher weniger bewusst sind (im Schatten liegen). Familiäre, gesellschaftliche und kulturelle Werte sind dabei immer mitzuberücksichtigen. Allgemein kann aber wahrscheinlich gesagt werden, dass umso mehr projiziert wird, je unbewusster ein Mensch ist.

2 thoughts on “Projektion

  1. Pingback: Wahrheit jenseits von Rationalität « hofastro

  2. Pingback: Saturn in Skorpion « hofastro

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