Gut und Böse

Die ganze Welt kann nur darum Gutes als gut erkennen, weil es das Böse gibt. (Lao Tse)

Eine sehr häufige Frage, die beratenden Astrologen gestellt wird, ist die Frage: „Ist das gut oder schlecht?“

„Saturn steht momentan transitierend auf Ihrer Sonne.“ – „Ist das gut oder schlecht?“

„Pluto steht im Quadrat zu Ihrer Venus.“ – „Ist das gut oder schlecht?“

Solche Fragen haben für mich maßgeblich dazu beigetragen, astrologische Beratungen aufzugeben und die prognostische Astrologie als weitestgehend sinnlose Übung ad acta zu legen.

Wir Menschen scheinen geradezu besessen zu sein von Urteilen. Und wie schön wäre es, wenn die Astrologie so einfach funktionierte, nach dem Motto: Saturn ist ganz ganz böse! Jupiter ist super gut! Aber das tut sie nicht. Ebenso wenig funktionieren Menschen so. Was ist überhaupt gut und was ist böse? Vor einigen hundert Jahren galten Frauen, die Kräuter sammelten als furchtbar böse. Es erschien besser, sie am Scheiterhaufen zu verbrennen als sie weiterleben zu lassen. Vor 70 Jahren galten Angehörige der jüdischen Religion in Deutschland und Österreich als sehr böse, der blonde Deutsche hingegen als gut. Einfach so! Nur weil er Deutscher war, war er von Natur aus gut. Heute gelten Menschen, die sich selbst in die Luft sprengen hierzulande als sehr böse. Andernorts gelten sie als Helden, die sofort in das Paradies eingehen. Was also ist gut und was ist böse?

Kann denn ein Planet am Himmel gut oder böse sein? Ist eine geschlossene Glastür, die ich übersehe, böse, weil ich mir an ihr die Nase breche? Ist Regen böse und Sonne gut? Und würden das die Menschen in der Sahara wohl auch so sehen?

Diese Kategorien sind ganz offensichtlich unbrauchbar. Sie sind zeit- und kulturabhängig, ja sie hängen sogar vom Entwicklungsstand eines Menschen ab, von der persönlichen Biografie, vom materiellen, intellektuellen und spirituellen Hintergrund. Die Kategorien von Gut und Böse scheinen für eine Orientierung in unserer Welt also ziemlich ungeeignet zu sein. Weshalb wir konsequenterweise in der Astrologie auch von schwierigeren und einfacheren Transiten sprechen. Und selbst das muss differenziert werden, da ein Saturntransit für einen Menschen mit einer bestimmten Herkunft, mit einem bestimmten biografischen Hintergrund und mit bestimmten Konstellationen in seinem Radix alles andere als schwierig sein muss, wohingegen er für den anderen eine tiefe Lebenskrise bedeuten kann. So könnte für einen Steinbock-Menschen mit Saturn am MC und zwei weiteren Planeten im Steinbock ein Saturn-Transit vergleichsweise unauffällig verlaufen. Er erlebt ihn vielleicht als Konkretisierung, Abstreifen von Ballast und Zugewinn an Klarheit. Für einen anderen Menschen mit zwei Planeten in Fische, Neptun am Aszendenten im Trigon mit einer Krebssonne, könnte ein Saturntransit hingegen äußerst schwierig erlebt werden.

Obendrein ist es hilfreicher die Kategorien Licht und Schatten zu benutzen, wenn wir Horoskope interpretieren. Auch hier scheint zunächst eine Bewertung drin zu liegen, da wir Schatten gerne als negativ interpretieren und Licht als positiv. Die beiden Begriffe sollen aber hier nur ein mehr oder weniger an Bewusstheit andeuten und keine Bewertung darstellen. Schatten ist ein Begriff, den C.G. Jung prägte und er meint diejenigen psychischen Inhalte, die nicht im Licht des Bewusstseins liegen, die uns also nicht so gut zugänglich sind, die wir vielleicht an uns auch nicht wahrhaben wollen.

So gibt es auch in jeder persönlichen Horoskop-Deutung Momente, wo dem beratenden Astrologen klar wird, welche der Horoskop-Elemente der zu Beratende relativ häufig und bewusst lebt und welche ihm oft weniger bewusst sind. Derartiges kann nur im persönlichen Gespräch festgestellt werden. Denn ich kann zwar Vermutungen darüber anstellen, welche Horoskop-Konstellationen vermutlich leichter gelebt werden können, aber ich kenne das Gegenüber ja noch nicht. Ich weiß zunächst nichts über seine Familie, seine Biografie, seine Religion, seine Bildung etc. Insofern kann ich auch wenig darüber sagen, welche Horoskop-Elemente ihm leichter zugänglich sein werden. Das ist übrigens auch ein beliebter Kritikpunkt von Astrologie-Gegnern. Sie argumentieren genau aus diesem Grund gerne, dass jeder Mensch mit ein wenig Menschenkenntnis, sein Gegenüber so gut einschätzen kann, dass er dem zu Beratenden alles erzählen wird, was dieser hören will. Als Astrologe muss ich diesem Argument zu Folge also nur ein wenig Menschenkenntnis haben und dem Klienten nach dem Mund reden und er wird die Beratung als hilfreich erleben. Und wahrscheinlich gibt es einige Astrologen, die so vorgehen. Nicht ganz ausgeschlossen ist, dass das auch einige Psychologen, Psychotherapeuten, Lebensberater, Coaches, etc. so handhaben. Ganz sicher machen das viele Fernsehastrologen, Kartenleger, Wahrsager und Hellseher auf diese Art. Solche Beratungen wirken dann wohl wie eine Droge, sie beruhigen mich kurzfristig, bewirken langfristig aber günstigstenfalls gar nichts oder richten im ungünstigsten Fall sogar Schaden an.

Weitaus sinnvoller ist es, beim Klienten mehr Bewusstheit anzustreben, ihm auch Wahrheiten über sich zu erzählen, die er möglicherweise nicht so gerne hört. Selbstverständlich aus der Haltung von Empathie und Mitgefühl heraus. Ein sadistisches Quälen des Klienten ist ja wiederum nicht besonders hilfreich. Sinnvoll betriebene Astrologie sagt also nicht, da kommt ein ganz böser Transit auf Sie zu, sondern gibt Möglichkeiten an die Hand, wie der Klient voraussichtlich schwierige Transite bestmöglich für sich nutzen kann.

Ein einfaches Beispiel: Jemand erlebt in naher Zukunft eine Saturn-Opposition zu seiner Sonne. Solche Transite werden üblicherweise als schwierig, zäh und anstrengend erlebt. Nützlich wäre es, wenn der Astrologe dem Klienten dies mitteilt und dann hinzufügt, wie ein solcher Transit optimal genutzt werden kann. Etwa in der Art: „Bei Saturn geht es um Konzentration auf das Wesentliche, um Überprüfung dessen, was Sie erreicht haben. Es ist dies eine besonders günstige Zeit, um Altes, nicht mehr Funktionierendes auszusortieren und abzulegen. Strengen Sie sich weiterhin an, tun Sie alles, was in Ihrer Macht steht, um Ihre Ziele zu erreichen und rechnen Sie damit, dass diese Zeit anstrengender ist als üblich. Ruhen Sie sich nicht aus, lassen Sie sich nicht entmutigen von der Mühe dieser Zeit und Sie werden die Früchte ernten, sobald der Transit vorbei ist. Es wird dann so sein, als wären Sie lange mit angezogener Handbremse gefahren und plötzlich ist die Straße frei und die Bremse gelöst.“

Genau in diesem Sinne verstehe ich persönlich auch das oben genannte Zitat von Lao Tse. Da ist nichts Böses an einem Saturn-Transit. Lediglich unser Bewusstsein braucht Kontraste, braucht Licht und Schatten, Zeiten in denen das Leben mühelos fließt und andere in denen es scheinbar stockt. Ansonsten könnten wir keinerlei Fortschritte erzielen und nichts lernen. Wäre das Leben immer zu 100% glücklich und mühelos für uns, wären wir nicht in der Lage, irgendetwas zu lernen oder zu erkennen. Gäbe es nur Schatten, würden wir nichts sehen. Ebenso wenig wie wenn es nur Licht gäbe. Anders ausgedrückt, könnte man auch formulieren, dass dasjenige, was uns als gut oder böse erscheint, höchst relativ ist. Es mag Gesellschaften geben, in denen das Gesetz von „Aug um Aug, Zahn um Zahn“, als überaus gerecht gilt. Für unsere westlichen Zivilisationen erscheint das inzwischen als zu streng. Und wer weiß, vielleicht gelten zukünftigen Zivilisationen jahre- oder gar jahrzehntelange Gefängnisstrafen dereinst auch als barbarisch.

One thought on “Gut und Böse

  1. Pingback: Saturn in Skorpion « hofastro

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