Spiritualität

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird´s Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist´s getan;
Das Ewigweibliche
Zieht uns hinan.
(J.W. Goethe, Faust II)

In dem Maß, in dem die etablierten Kirchen an Bedeutung verlieren, beginnen Menschen sich für das Spirituelle mehr und mehr zu interessieren. Doch was ist eigentlich „das Spirituelle“? Meint das eine Orientierung am Geist (Verstand) oder eine Orientierung am GEIST (Spirit)? Hört man so manchem Flachland-Menschen (ein Begriff, den Ken Wilber benutzt) zu, so gewinnt man schnell den Eindruck, er verstünde Spiritualität ganz allgemein als alles, was nicht rational und nicht materiell ist. Spiritualität meinte hier also eine Orientierung am Irrationalen.

„Ich lege Karten, also bin ich spirituell.“

„Ich betreibe Astrologie, also bin ich spirituell.“

„Ich lehne die Schulmedizin ab, also bin ich spirituell.“

Ist es aber wirklich so einfach? Oder ist das ein Rückfall in infantiles mystisches oder magisches, am Ende sogar archaisches Denken?

Wenn wir uns ansehen, wer sich heute mit sogenannter Spiritualität und sogenannter Esoterik beschäftigt, so hege ich Zweifel, ob es sich dabei um einen wirklichen geistigen Fortschritt handelt. Schließlich sind das die gleichen Leute, die sich nicht wirklich auf die christliche, jüdische oder islamische Religion oder gar Mystik einlassen wollen, weil ihnen das zu anstrengend ist. Stattdessen nennen sie sich, ohne auch nur eine oberflächliche Kenntnis dieser Lehre, heute gerne Buddhisten oder eben spirituelle Menschen. Sie drapieren dann Engel und Kristalle in ihrer Wohnung und wähnen sich weiter fortgeschritten als der Durchschnittsmensch, ohne zu bemerken, dass sie in infantile Stufen zurückgefallen sind. Wenn etwa die katholische Kirche irgendwo zwischen magisch-mythischem Denken und rationalem Formalismus angesiedelt ist, so scheinen mir viele sogenannt spirituelle Menschen in Wirklichkeit auf eine magische oder archaisch-magische Stufe zurückgefallen zu sein. Wo vorher ein omnipotenter Gott oder ein vergöttlichtes Gegenüber war, ist jetzt nur noch Egozentrismus und naiver Narzissmus, teilweise sogar nur noch halluzinatorische Wunscherfüllung. Von kausalem oder nicht-dualen Weltverständnis ist da keine Spur.

Wir begegnen hier der klassischen Prä/Trans-Verwechslung. Wir wähnen uns transpersonal, wo wir in Wirklichkeit in eine präpersonale Stufe zurückfielen. Ein Fehler, den übrigens auch C.G. Jung beging, weshalb er wohl in der Esoterik-Gemeinde so gerne zitiert wird. Die Trans-Verwechslung besteht darin, alles was nicht rational ist, als transpersonal und spirituell (fortgeschritten) zu betrachten. Umgekehrt begeht die Psychoanalyse den Fehler der Prä-Verwechslung. Sie betrachtet alles Spirituelle automatisch als infantil. Und der größte Teil heutiger, moderner Spiritualität und Esoterik ist auch tatsächlich vollkommen egozentrisch und infantil. Ihr Motto scheint zu sein: Hauptsache nicht rational!

Dabei ist schon das Wort „Esoterik“, das heute aus gutem Grund oft abwertend gebraucht wird, ursprünglich ganz anders gemeint gewesen. Die esoterischen Bereiche des Wissens betrafen die inneren Bereiche. Oft war esoterisches Wissen ausdrücklich nur ganz wenigen Eingeweihten, die einen langen Weg spiritueller Schulung hinter sich hatten, vorbehalten. Heutzutage kann man angeblich große spirituelle Wahrheit für 10 bis 15 € in jeder Buchhandlung kaufen. Kann das denn wahr sein? Ist der ungeübte Mensch, ohne jahrelange spirituelle Praxis, überhaupt in der Lage, so große Wahrheiten zu verstehen? Können tiefe spirituelle Wahrheiten wirklich zur Massenware werden? Kann ein 200-Watt-Halogenscheinwerfer Glück und Freude für das Auge eines in einer Erdhöhle bei Kerzenschein Aufgewachsenen auslösen? Oder wird er sich nicht vielmehr vor Schmerzen krümmen und vollkommen geblendet sein?

Die großen Wahrheiten der Menschheit werden nur von wenigen verstanden, werden nur von jenen verstanden, die viel Mühe auf sich nehmen. Wie aber kann einer dieses Ziel erreichen, der einfach alles als rational, materialistisch oder überkommen wegerklärt, womit er sich nicht beschäftigen will? Die katholische Kirche verlangte noch Gebete, Fasten und tätige Reue. Heutzutage muss ich nur  bei einer Mehrwertnummer anrufen, um mir von der hellsichtigen Expertin meine Chakren ausgleichen zu lassen. Und wenn ich noch tiefer in die Tasche greifen möchte, kaufe ich mir noch einen in Atlantis geweihten Kristall für „nur“ 159 € und mein ganzes Leben wird für immer von allen Blockaden befreit sein und nur noch aus reinem Glück bestehen. Wie praktisch! – Mir persönlich scheint ja die Wahrscheinlichkeit, von manchen meiner Sorgen befreit zu werden, weitaus höher, wenn ich selber solche magischen Kristalle anböte…

Und siehe, da laufen sie alle hin zu ihrem Lebensberater, Energetiker, Kartenleger und Astrologen, die allesamt versprechen, sie ganz ohne Mühe von allen Sorgen zu befreien. Und dort kämpfen Psychologen und Psychotherapeuten um ihre Existenz, eben weil sie gut ausgebildet sind, seriös arbeiten und gerade deshalb keine schnellen Lösungen und Erfolge in nur einer Sitzung versprechen. Das aber wollen viele Menschen nicht hören. Sich zwei oder drei Jahre lang intensivst mit ihren Schattenthemen, ihren Abgründen und ihrem Schmerz, den sie gut verdrängt und abgespalten hatten, zu befassen, das ist ihnen viel zu anstrengend. Lieber lassen sie einen Lebensberater einen Kristall schwenken und sich einreden, dass sie jetzt für immer (!) von allen Sorgen befreit seien. Der Anruf kostet ja nur 2,50 € die Minute. Viele dieser Menschen kommen mir ein wenig wie Bäume vor, die, kaum aus der Erde gekommen, beschließen, jetzt eine 100 Jahre alte mächtige Eiche sein zu wollen. Und selbst wenn ihnen das gelänge und sie keine Wurzeln gebildet hätten, würden sie schon den nächsten Regen nicht überleben.

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Die Vase dort, das Auto, der Computer, der Bilderrahmen, das Mobiltelefon, all das Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Es sind Abbilder unserer Wünsche, Gefühle, Gedanken, Bilder des nach draußen Gehens, Bilder der Männlichkeit. Das Männliche will hinaus, will eindringen, vordringen, erobern, immer schneller, immer weiter, immer größer und platzgreifender. Und all das ist ein Gleichnis. Nichts davon wird bleiben. Wir kommen auf diese Welt ohne Besitz, vollkommen nackt und wir verlassen sie auch ohne Besitz. Selbst unser Körper zerfällt zu Staub. Und wenn ich Multimilliardär wäre, so wäre das Geld nur geborgt, es gehörte mir nicht dauerhaft, weil ich nicht von Dauer bin und auch das Geld es nicht ist.

Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis. Wenn der Geist erwacht, betreten wir den spirituellen Weg. Wir haben jetzt erkannt, dass die Physis vergänglich ist und dass das Ziel noch weit ist. Wir beginnen jetzt, mit einer Kerze ein Fußballstadion in stockfinsterer Nacht ausleuchten zu wollen. Das Sokrates-Wort: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, fällt mir dazu ein. Der Illusion alles Vergänglichen gerade erst gewahr geworden, mache ich mich auf den Weg, getragen von einer Ahnung von Größe, Erkenntnis und Erleuchtung. Ich kniee nieder im Staub und erkenne meine Untauglichkeit, mein Unvermögen, meine Unzulänglichkeit und habe gerade damit den Weg betreten. Ich bin umgekehrt, habe der Illusion der Vergänglichkeit abgeschworen. Ich habe die Richtung geändert. „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!“, meint eine Abkehr von der Welt der Illusion, der Welt des Vergänglichen. Da draußen ist nichts! Ich habe meine Unzulänglichkeit erkannt und beginne zu werden, mich zu entwickeln oder besser noch selbst-zu-verwirklichen.

Das Unbeschreibliche, hier ist´s getan. Wir haben die Welt der Seele betreten, Worte vermögen nicht mehr, ihre Wirklichkeit zu beschreiben. Im Buddhismus gibt es die Zen-Koans, um gezielt den Verstand zu überrumpeln, überfordern, auszutricksen. Die Wahrheit in den Koans liegt jenseits des Verstandes. „Wie klingt das Klatschen in deiner linken Hand“, ist so ein Satz, der mit dem Verstand nicht zu lösen ist. Wir haben einen Einblick in das Himmelreich erhalten, wir sind dem Spirit begegnet, dem Sein, dem Sinn. Und Worte vermögen nicht mehr, diese Wirklichkeit zu beschreiben.

Das Ewigweibliche zieht uns hinan. Die spirituelle Entwicklung führt uns immer tiefer in uns selbst hinein, während wir zugleich höhere Bewusstseinsebenen oder höhere Gipfel der Bewusstheit erreichen. Der Weg dahin führt uns immer tiefer in die Hingabe und Öffnung und schließlich in die Nicht-Dualität, den GEIST, das Ewigweibliche, das Himmelreich, Gott, reines Sein.

In vier Zeilen ist hier das große Nest des Seins (Wortwahl von Ken Wilber) oder die große Kette des Seins von der Welt der Physis, über die Welt des Geistes, zur Welt der Seele und des GEISTES beschrieben. Und wie jede Poesie oder Vision mögen in diesen Sätzen noch viele andere Wahrheiten enthalten sein, dich ich noch nicht fähig bin zu erkennen.

Goethe muss so ein gewaltiges Werk wie Faust I und Faust II – wie wir heute sagen würden – gechannelt haben. Diese Wahrheiten und Erkenntnisse kommen vom Himmel und nicht von einem Menschen. Doch ist das wirklich etwas Besonderes? Wir tun heute so, als ob ein Channel-Medium etwas ganz Tolles, ganz Neues, nie Dagewesenes sei und übersehen dabei, dass große Genies, Denker, Philosophen und Künstler schon immer Zugang zu einer größeren Wirklichkeit hatten. Wenn Mozart davon sprach, dass ganze Symphonien plötzlich in seinem Kopf waren und er sie nur noch aufzuschreiben brauchte, würden wir Heutigen wohl sagen, er hätte sie gechannelt. Seine Musik kam von Gott und lediglich unser rationaler Geist kann das nicht begreifen. Wir verehren ihn als Person und vielleicht war er nur ein Kanal (ein Channel), ein musikalisches Sprachrohr Gottes.

Wenn ich mich vollkommen öffne, ganz und gar hingebe, verschwinde ich, verschwindet EGO, im Sinne eines persönlichen Ich. Und ich werde erfüllt von Gott, ich werde erfüllt vom Ewigen, von dem, was bleibt. Denn alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Mozart war vergänglich, seine Musik ist geblieben, sie ist in gewisser Weise ewig. Sie war immer, wird immer sein. Mozart war das Werkzeug, dessen sich Gott bediente, Musik in die Welt zu bringen aus der sie auch wieder verschwinden wird. Dasjenige aber, was sie in den Menschen zu bewirken vermag, ist ewig.

Die Schamanen nennen vier Ebenen des Bewusstseins, die Ebene der Schlange (physische Wirklichkeit), die Ebene des Jaguars (emotional-intellektuelle Ebene), die Ebene des Kolibris (geistige Ebene) und die Welt des Adlers (die Welt des Spirit, des GEISTES oder Gottes). Auch das sind Ebenen des großen Nestes des Seins, wie Wilber es ausdrücken würde. Es ist nur eine weitere Beschreibung der Philosophia perennis, der ewigen Philosophie, die wir in archetypischen Formen in allen Weltgegenden und spirituellen Traditionen finden. Sie beschreibt ein Voranschreiten des Bewusstseins, eine Zunahme an Bewusstheit, wie sie wenigstens in allen prämodernen philosophischen und religiösen Traditionen dieser Erde beschrieben wird (vgl. Ken Wilber).

SPIRIT-ualität meint also weit eher eine Orientierung am großen SPIRIT, an Gott, am Ewigen, am Allganzen, als jene dumpfe Flachland-Philosophie, wie sie heute vielerorts vertreten wird. Von einigen Engelchen oder Kristallen in meiner Wohnung werde ich nicht spirituell. Denn alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Ob ich Christus am Kreuz, eine Buddha-Statue, eine Venus von Willendorf oder einen riesigen Phallus in meine Wohnung stelle, ist vollkommen gleich. Denn alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. „Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.“ (Antoine de Saint-Exupéry) Das ist übrigens auch eine Erfahrung, die viele Menschen machen, die von Naturkatastrophen oder Kriegen heimgesucht wurden. Jahre später haben sie sich vielleicht wieder ein schönes Haus gebaut, mit neuen Möbeln und vielleicht größer und schöner als zuvor. Und sie werden gewahr, dass nicht der Verlust von Möbeln, Kleidungsstücken oder Geld sie am meisten schmerzt, sondern der Verlust von Fotos, einem uralten, liebgewonnen Erbstück oder einer vollkommen zerfledderten, abgegriffenen und objektiv wertlosen Bibel.

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird´s Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist´s getan;
Das Ewigweibliche
Zieht uns hinan.

SPIRIT-ualität führt uns in Bewusstheit, Wachheit und meint niemals billigen Trost oder sich einlullen lassen mit magischen Sprüchen. Spiritualität führt direkt in den Tod, den Tod des EGO. Damit ein solcher Ego-Tod aber überhaupt möglich ist, muss ich zuerst ein Ego entwickelt haben. Und zwar ein starkes, gut integriertes, festes Ego. Wer diese personale Stufe überhaupt nicht entwickelt hat, kann sein Ego nicht überwinden oder transzendieren. Wie kann einer seinen materiellen Reichtum hinter sich lassen, der überhaupt nie reich war? Solches ist billiger Trost und reine Illusion. Und nicht selten spürt man diesen illusionären Charakter bei den heutigen, sogenannten spirituellen Menschen. Man spürt ihn in ihrer Aggression, ihrem Hass oder allgemeiner in ihrer Besessenheit von Urteilen. Die Schwingung ihrer Aussagen ist oftmals Angst, Neid, Eifersucht und sogar Hass. Sie mögen zwar nicht rational sein, spirituell sind sie deshalb aber noch lange nicht.

Und diese Definition von Spiritualität ist dabei nur eine unter mindestens fünf, die etwa Ken Wilber in seinem Buch „Integrale Psychologie“ vorschlägt. Seine Vorschläge lauten:

  1. Spiritualität bezieht sich auf die höchsten aller Entwicklungslinien
  2. Spiritualität ist die Gesamtsumme der höchsten Ebenen der Entwicklungslinien
  3. Spiritualität ist selbst eine Entwicklungslinie für sich
  4. Spiritualität ist eine Haltung (wie Offenheit oder Liebe), die man auf jeder Stufe haben kann
  5. Spiritualität bezieht sich im Grunde auf Gipfelerfahrungen, nicht auf Stufen

Osho wiederum meint, wahre Religion beginne mit dem sich ganz und gar Einlassen auf Gott. Das Nachplappern von sogenannten Glaubensinhalten, die ein Priester formulierte, der sie selbst nicht verstanden hat, hätte jedoch nichts mit Religion oder Spiritualität zu tun.

Wilber, aber auch viele Psychotherapeuten sind der Meinung, dass ich mit meinen psychischen Themen halbwegs „durch“ sein muss, um überhaupt einen spirituellen Weg betreten zu können. Das scheint mir ein weiterer Hinweis darauf sein, dass ich zunächst ein Ego oder eine gut abgegrenzte, individuierte Persönlichkeit haben muss, um dieses Ego dann transzendieren zu können. Alles andere ist eine Abkürzung, die nur noch mehr in die Illusion führt, anstatt aus ihr herauszuführen.

Literatur

Wilber, Ken (2006). Integrale Psychologie. Geist, Bewusstsein, Psychologie, Therapie. arbor Verlag.

Osho (2010). Das Thomas-Evangelium. Die bahnbrechende Botschaft von Jesus. Goldmann Arkana.

One thought on “Spiritualität

  1. Pingback: Wahrheit jenseits von Rationalität « hofastro

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s