Astrologie und Prognose

Es wäre nicht besser für die Menschen,
Wenn alles, was sie wollen,
In Erfüllung ginge.
Wer nicht hofft, dass das Unhoffbare eintritt,
Wird nie zur Wahrheit vordringen;
Denn sie ist unaufspürbar
Und unzugänglich.
Die Natur versteckt sich gern.
Der Gott des Orakels von Delphi
Verrät nichts und verschweigt nichts –
Er gibt Zeichen.

(Heraklit, Die verborgene Harmonie)

Ein Sprichwort sagt: „Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Dennoch wollen wir Menschen ständig über die Zukunft Bescheid wissen. Mit der Vergangenheit beschäftigen wir uns bisweilen ebenso gerne, in dem Sinne, dass sie uns Entschuldigungen liefert für das, was wir zu sein glauben. „Ich hatte ja so wenig Chancen“, „meine Eltern hatten so wenig Geld“, „ich bin geschlagen worden“, „wegen des Missbrauchs von damals, geht es mir so schlecht“, etc.

Beides, das Fantasieren von der Zukunft wie das Wühlen in der Vergangenheit, geschieht, um der Gegenwart, dem ewigen und einzigen Hier und Jetzt zu entgehen. Denn nichts ist jemals in der Vergangenheit geschehen und nichts wird jemals in der Zukunft geschehen, es geschieht alles Jetzt, wie Eckhart Tolle so wunderbar formulierte.

Aber zurück zur Astrologie. Seriöse psychologische Astrologen – so meine Behauptung – prognostizieren nicht. Ganz einfach deshalb, weil wir die Zukunft nicht kennen, nicht kennen können. Ein Alltagsbeispiel: ich gehe drei Mal unter einem Apfelbaum durch und jedes Mal fällt mir ein Apfel auf den Kopf. Heißt das jetzt, wenn ich morgen unter diesem Apfelbaum durch gehe, wird mir wieder ein Apfel auf den Kopf fallen? Schon möglich! Ich könnte aber auch ausweichen oder vielleicht ist es inzwischen Winter geworden und da hängt gar kein Apfel mehr auf dem Baum. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Astrologie. Angenommen 5 Menschen haben unter einem Saturn-Venus-Transit mit ihrem Partner Schluss gemacht. Heißt das jetzt, dass mir das auch passieren wird? Wohl kaum, denn ich bin zurzeit glücklicher Single! Wozu überhaupt fragen, was geschehen wird? Wer will das wissen? Der Fragende kann zwei Erfahrungen machen, entweder die Prognose trifft ein, dann bedeutet das offensichtlich, dass er nicht besonders selbstverantwortlich und kreativ lebt und sich seiner Freiheit wenig bewusst ist. Und wenn die Prognose nicht eintrifft? Dann flucht er vielleicht auf den Astrologen, der ja doch nur ein Scharlatan ist, ohne zu bemerken, dass es seine Freiheit war, die den Gang seines Lebens möglicherweise anders beeinflusst hat. So oder so entspringt die Frage wahrscheinlich Angst und Unsicherheit. Ist es nicht schwierig genug, achtsam im Hier und Jetzt zu leben? Müssen wir uns geistig ständig in der Vergangenheit und Zukunft herumtreiben?

Und was ist mit dem Gefragten? Welchen Gewinn zieht er aus einer Prognose? Ist es nicht immer eine narzisstische Aufwertung? „Ich weiß es besser“, „ich sehe klarer“, „ich bin bewusster als du!“ Aber ist das wahr? Sind wir nicht ebenso wenig im Hier und Jetzt, wenn wir uns anmaßen, derartige Prognosen für andere zu treffen?

Ich leite daraus die Meinung, vielleicht sogar die Forderung ab, dass seriös arbeitende Astrologen möglichst präzise die Zeitqualität beschreiben sollten, so genau und so umfangreich wie möglich aufzählen sollten, welche Palette an Möglichkeiten eine Konstellation beinhaltet und es dem Klienten selber überlassen sollen, welche er wählen will. Je mehr „sollte“ oder „müsste“ ein Astrologe in seiner Wortwahl verwendet, desto mehr schränkt er die Möglichkeiten des Klienten ein. Und je konkreter eine Prognose ausfällt, desto wahrscheinlicher wird sie falsch sein.

Klar werden uns genau das die Astrologie-Kritiker zum Vorwurf machen, weil sie unsinnigerweise immer noch naturwissenschaftliche Präzision von der Astrologie erwarten, andernfalls sie ihre Berechtigung vollkommen verloren hätte. Astrologie war aber nie eine Naturwissenschaft, ist es heute nicht und wird es nie sein. Ich würde Astrologie eher als Kunst, als Poesie oder meinetwegen als Kultur- und Sozialwissenschaft definieren, die im günstigen Fall den Menschen inspiriert, seinen Geist anregt und ihm neue Möglichkeiten eröffnet. Wer einen Wahrsager sucht, der möge bitte anderswo anklopfen…

„Denn wer nicht hofft, dass das Unhoffbare eintritt, wird nie zur Wahrheit vordringen“, wie Heraklit es so wunderbar formuliert hat.

3 thoughts on “Astrologie und Prognose

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