Zeit und Zyklen

Wir steigen in dieselben Flüsse und tun es doch nicht.
Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.
Alles fließt, nichts ruht.
Alles vergeht, nichts dauert.

(Heraklit, Die verborgene Harmonie)

Nur in der Astrologie gibt es „Termine“, die viele Jahre und bisweilen sogar ein ganzes Jahrhundert dauern können, wie weiter unter zu zeigen sein wird. Mit der modernen Physik hat die Astrologie gemeinsam, dass sie über die Relativität der Zeit Bescheid weiß.

Viele Astrologen scheinen das heute zu vergessen, denn moderne Astrologie-Software ermöglicht auf Knopfdruck die Berechnung vieler Transite und Konstellationen. So findet beispielsweise das erste von sieben exakten Uranus-Pluto-Quadraten am 24.6.2012 um 8:15 Uhr (UT) statt. Aber solche Zeitpunkte sind unerheblich, sie vernebeln nur unseren Blick und vermitteln die Illusion, die Zeit wäre statisch. Tatsächlich ist die Zeit vielmehr ein ewiger Fluss im Jetzt.

In der Astrologie wie überhaupt in der Natur haben wir es mit Zyklen zu tun und nicht mit Zeitpunkten oder Terminen. Haben Sie jemals einen Baum gesehen, der Termine gemacht hätte? Es gibt in der Natur wie auch in der Astrologie, die ja eine Beobachtung der Natur am Himmel und auf der Erde darstellt, eine Samenperiode, eine Durchbruchskrise, eine Blütezeit, eine Erntezeit und eine Ruhephase. Astrologisch sind diese Zeiträume mit der Konjunktion (Samenperiode), dem Quadrat (Durchbruchskrise), der Opposition (Blütezeit), dem abnehmenden Quadrat (Erntezeit) und der Annäherung an die neuerliche Konjunktion ausgedrückt. Der einfachste Zyklus ist hier der Zyklus des Mondes. Bei der Konjunktion von Sonne und Mond sprechen wir von Neumond, beim zunehmenden Quadrat von Halbmond, bei der Opposition von Sonne und Mond von Vollmond, beim abnehmenden Quadrat von abnehmendem Halbmond und schließlich vom nächsten Neumond. Im Folgenden sollen einige größere astrologische Zyklen untersucht werden.

Uranus-Pluto-Zyklus

(vgl. auch Artikel „Uranus und Pluto„)

Pluto und Uranus begegneten sich 1965 und 1966 zu einer Konjunktion. Und auch diese Konjunktion wirkte ihrer Qualität nach viel länger. Eine Konjunktion wird seit Rudhyar auch als Samenperiode bezeichnet. Und dieses Bild ist sehr passend. Wir können heute auch nicht sagen, wann genau ein Kind entsteht oder wann genau ein Baum entsteht. Wir wissen ebenso wenig, wann ein Streit mit einem Freund oder mit dem Partner anfing. Eine Aussage wie: „Gestern 16.7.2011, um 21:54 Uhr und 23 Sekunden fing ich mit meiner Frau zu streiten an. Um 23:04 Uhr und 12 Sekunden haben wir uns wieder versöhnt“, wirkt vollkommen absurd. In solchen Dingen wissen wir um die zyklische Natur der Zeit, in anderen Bereichen und paradoxerweise sogar in der Astrologie scheinen wir es heute zu vergessen.

Die Natur hält sich nicht an Termine, auch wenn manchmal das Zusammentreffen bedeutender astrologischer Konstellationen mit Ereignissen auf der Erde diesen Eindruck vermitteln mag (aktuellstes Beispiel: Uranus-Ingress in den Widder mit gleichzeitig stattfindendem Erdbeben in Japan). Es bleibt aber auch hier zu fragen, ob nicht der menschliche Geist es ist, der Ereignisse auf Konstellationen projiziert oder gerne kausale Zusammenhänge sehen mag, wo vielleicht gar keine sind.

In der Astrologie reden wir heute von Zyklen und das gegenwärtige Quadrat von Uranus und Pluto, welches zwischen 2012 und 2015 sieben Mal exakt wird, wirkt darüber hinaus wahrscheinlich von 2008 bis 2019. Und seiner Qualität nach ist es unmittelbar verbunden mit den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts, wo dieser Zyklus mit der Konjunktion der beiden Planeten seinen Ursprung hat. Wir können lediglich sagen, dass etwas, was in den 60-er Jahren gesät wurde, nun allmählich sichtbaren Ausdruck in der Realität findet, also seinen Durchbruch erlebt. Der Höhepunkt dieser Entwicklung wird schließlich in den 40-er Jahren unseres Jahrhunderts mit der Opposition dieser beiden Planeten (Exaktwerden der Opposition in den Jahren 2046 bis 2048) erreicht sein.

Neptun-Pluto-Zyklus

Der Neptun-Pluto-Zyklus ist ein noch viel längerer Zyklus, der seinen Ursprung in den Jahren 1891 und 1892 hatte, wo diese beiden Planeten eine Konjunktion bildeten. Mit einem Orbis von ca. 8 Grad bilden diese beiden Planeten von 1945 bis 2040 ununterbrochen ein Sextil, das in den Jahren 1950 bis 1956 15 Mal und in den Jahren 1976 bis 1986 21 Mal exakt wurde und in den Jahren 2026 bis 2032 noch einmal 13 Mal exakt werden wird. Erst 2061 – 2065 bilden diese beiden Planeten ihr Quadrat, das insgesamt 9 Mal exakt wird, womit dieser Zyklus dann seine Durchbruchskrise erleben wird.

Für jene, die es interessiert, hier die exakten Aspekte:

Pluto Sextil Neptun

  • 22.1.1950, auf 17°21′ Löwe (Pluto) / Waage (Neptun)
  • 12.4.1950, auf 15°50′ Löwe / Waage
  • 3.1.1951, auf 19°27′ Löwe / Waage
  • 7.5.1951, auf 17°26′ Löwe / Waage
  • 20.12.1951, auf 21°23′ Löwe / Waage
  • 26.5.1952, auf 19°15′ Löwe / Waage
  • 7.12.1952, auf 23°14′ Löwe / Waage
  • 13.6.1953, auf 21°12′ Löwe / Waage
  • 26.11.1953, auf 25°01′ Löwe / Waage
  • 1.7.1954, auf 23°17′ Löwe / Waage
  • 14.11.1954, auf 26°45′ Löwe / Waage
  • 20.7.1955, auf 25°30′ Löwe / Waage
  • 2.11.1955, auf 28°25′ Löwe / Waage
  • 9.8.1956, auf 27°54′ Löwe / Waage
  • 18.10.1956, auf 29°58′ Löwe / Waage
  • 10.10.1976, auf 11°49′ Waage (Pluto) / Schütze (Neptun)
  • 5.12.1976, auf 13°42′ Waage / Schütze
  • 26.9.2977, auf 13°38′ Schütze / Waage
  • 25.12.1977, auf 16°31′ Schütze / Waage
  • 15.9.1978, auf 15°38′ Schütze / Waage
  • 11.1.1979, auf 19°12′ Schütze / Waage
  • 5.9.1979, auf 17°44′ Schütze / Waage
  • 26.1.1980, auf 21°46′ Schütze / Waage
  • 27.8.1980, auf 19°55′ Schütze / Waage
  • 9.2.1981, auf 24°17′ Schütze / Waage
  • 18.8.1981, auf 22°09′ Schütze / Waage
  • 24.2.1982, auf 26°44′ Schütze / Waage
  • 9.8.1982, auf 24°28′ Schütze / Waage
  • 11.3.1983, auf 29°07′ Schütze / Waage
  • 30.7.1983, auf 26°52′ Schütze / Waage
  • 27.3.1984, auf 1°25′ Steinbock / Skorpion
  • 18.7.1984, auf 29°20′ Schütze / Waage
  • 15.4.1985, auf 3°35′ Steinbock / Skorpion
  • 5.7.1985, auf 1°56′ Steinbock / Skorpion
  • 16.5.1986, auf 5°25′ Steinbock / Skorpion
  • 9.6.1986, auf 4°53′ Steinbock / Skorpion
  • 25.7.2026, auf 4°20′ Wassermann (Pluto) / Widder (Neptun)
  • 16.9.2026, auf 3°16′ Wassermann / Widder
  • 29.6.2027, auf 6°38′ Wassermann / Widder
  • 16.10.2027, auf 4°45′ Wassermann / Widder
  • 9.6.2028, auf 8°37′ Wassermann / Widder
  • 8.11.2028, auf 6°30′ Wassermann / Widder
  • 22.5.2029, auf 10°25′ Wassermann / Widder
  • 30.11.2029, auf 8°26′ Wassermann / Widder
  • 4.5.2030, auf 12°03′ Wassermann / Widder
  • 26.12.2030, auf 10°35′ Wassermann / Widder
  • 12.4.2031, auf 13°25′ Wassermann / Widder
  • 10.2.2032, auf 13°28′ Wassermann / Widder
  • 29.2.2032, auf 14°02′ Wassermann / Widder

Pluto Quadrat Neptun

  •  19.9.2061, auf 23°05′ Fische (Pluto) / Zwillinge (Neptun)
  • 27.11.2061, auf 22°07′ Fische / Zwillinge
  • 18.8.2062, auf 24°54′ Fische / Zwillinge
  • 2.1.2063, auf 23°26′ Fische / Zwillinge
  • 25.7.2063, auf 26°26′ Fische / Zwillinge
  • 2.2.2064, auf 25°03′ Fische / Zwillinge
  • 30.6.2064, auf 27°44′ Fische / Zwillinge
  • 9.3.2065, auf 27°01′ Fische / Zwillinge
  • 29.5.2065, auf 28°43′ Fische / Zwillinge

Zeit ist also auch in der Astrologie etwas höchst relatives, was gerade beim Pluto-Neptun-Zyklus sehr deutlich zum Ausdruck kommt, denn wie können wir bei einem Zeitraum von 90 Jahren (das ist häufig mehr als ein ganzes Menschenleben) noch von einem „Zeitpunkt“ sprechen? Dennoch beginnt in diesem langen Zeitraum etwas sichtbar zu werden, was 1891/92 seinen Ursprung, seine Samenperiode hatte. Aber wer kann sagen, was damals seinen Ursprung nahm? Elektrizität, Globalisierung, das Informationszeitalter?

Wer kann sagen, was sich in den früheren Pluto-Neptun-Zyklen entfaltete? Für etwaige Interessierte seien hier kurz die Daten der letzten 5 Konjunktionen von Pluto und Neptun aufgeführt:

  • 1.7.84 v. Chr., 16°58‘ Stier
  • 29.10.84 v. Chr., 16°33‘ Stier
  • 1.4.83 v. Chr., 16°01‘ Stier
  •  28.6.411 (J), 23°15‘ Stier („J“ bedeutet julianischer Kalender)
  • 13.11.411 (J), 22°47‘ Stier
  • 29.3.411 (J), 22°18‘ Stier
  •  21.5.905 (J), 28°25‘ Stier
  • 22.6.1398 (J), 3°49‘ Zwillinge
  • 29.11.1398 (J), 3°16‘ Zwillinge
  • 24.3.1399 (J), 2°52‘ Zwillinge
  • 2.8.1891, 8°38‘ Zwillinge
  • 5.11.1891, 8°18‘ Zwillinge
  • 30.4.1892, 7°42‘ Zwillinge

Die nächste Pluto-Neptun-Konjunktion wird sich übrigens am 20.5.2385 auf 12°04‘ Zwillinge ereignen. Wir können erkennen, dass sich jede neuerliche Pluto-Neptun-Konjunktion im Tierkreis jeweils ungefähr 5 bis 6 Grad weiter vorne ereignet.

Alles fließt

Wir steigen in dieselben Flüsse und tun es doch nicht.
Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.
Alles fließt, nichts ruht.
Alles vergeht, nichts dauert.

Statische Zeit ist eine Konstruktion von Menschen, die der Wirklichkeit nicht gerecht wird. Unentwegt bilden sich am Himmel neuerliche Konjunktionen, Quadrate, Oppositionen und neuerliche Konjunktionen. An keinem einzigen Tag sieht der Himmel genau gleich aus. Denn wir können nicht zweimal in denselben Fluss steigen, er wird jedes Mal ein anderer sein und wir werden jedes Mal andere sein.

Gegenwärtig erleben wir beispielsweise

  • einen zunehmenden Pluto-Neptun-Zyklus (Sextil-Phase*)
  • einen zunehmenden Pluto-Uranus-Zyklus (Quadrat-Phase)
  • einen zunehmenden Neptun-Uranus-Zyklus (Halbsextil-Phase)
  • einen zunehmenden Neptun-Jupiter-Zyklus (Sextil-Phase)
  • einen zunehmenden Uranus-Jupiter-Zyklus (Halbsextil-Phase)
  • einen zunehmenden Pluto-Jupiter-Zyklus (Trigon-Phase)
  • einen abnehmenden Pluto-Saturn-Zyklus (Quadrat-Phase)
  • einen abnehmenden Neptun-Saturn-Zyklus (Quinkunx-Phase)
  • einen abnehmenden Uranus-Saturn-Zyklus (Oppositions-Phase) und
  • einen abnehmenden Saturn-Jupiter-Zyklus (Quinkunx-Phase)

um nur die größten astrologischen Zyklen zu nennen. Eine genauere Behandlung der astrologischen Zyklen finden Sie übrigens im gleichnamigen Artikel hier in diesem Blog (vgl. Artikel Astrologische Zyklen und Prognose).

*) Die Winkel zweier Planeten werden in der Astrologie wie folgt bezeichnet:

  • Konjunktion: 0 Grad (z.B. Neumond)
  • Halbsextil: 30 Grad
  • Halbquadrat: 45 Grad
  • Sextil: 60 Grad
  • Quadrat: 90 Grad (z.B. zunehmender Halbmond)
  • Trigon: 120 Grad
  • Quinkunx: 150 Grad
  • Opposition: 180 Grad (z.B. Vollmond)

Der bedeutendste gegenwärtige Zyklus dürfte dabei der Pluto-Uranus-Zyklus sein, zum einen deshalb, weil ein zunehmendes Quadrat eine der stärksten Spannungen überhaupt darstellt und zum anderen, weil die beiden Planeten Pluto und Uranus beide für plötzliche und teilweise radikale Veränderungen stehen. Werfen wir dieser Tage einen Blick in die Medien, so erkennen wir schnell, was die Themen sind: Revolution (Nordafrika), Schulden (Europa, USA), gehäuftes Auftreten von Erdbeben und Vulkanausbrüchen (z.B. Japan, Indonesien, Alaska, Island). Aber auch die Themen der 60-er Jahre werden in den nächsten Jahren wahrscheinlich zunehmend wieder aktuell werden. Der Unmut und Zorn über die heute Mächtigen wächst ständig, denn die heute wirklich Reichen und Mächtigen, scheinen von der gegenwärtigen Krise eher noch zu profitieren, während die Armen dieser Welt immer weniger in ihren Taschen haben. Wir werden in den nächsten Jahren vor allem auch einen Zusammenbruch alter Hierarchien und Machtstrukturen erleben. Es würde mich nicht wundern, wenn dazu auch die katholische Kirche gehörte oder die USA, die ihre Welt-Vormachtstellung bereits jetzt langsam einzubüßen scheinen.

Literatur

Rudhyar, Dane und Rael-Rudhyar Leyla (1994). Der Sonne/Mond-Zyklus. Ein Schlüssel zum Verständnis der Persönlichkeit. Edition Astrodata.

2 thoughts on “Zeit und Zyklen

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