Das Jahr 2012

2012 rückt näher. Begriffe wie Maya-Kalender, Weltuntergang, spiritueller Aufstieg, Bewusstseinswandel, Licht und Liebe, Krieg, Zerstörung, Dimensionssprung, Polsprung und viele andere geistern wildwuchernd durch das Netz. Ebenso zahlreich sind die Publikationen und Vorträge zum Thema. Unzählige (selbsternannte) Eingeweihte scheinen ganz genau zu wissen, wohin unsere Welt und unser Bewusstsein sich bewegen. So werden zum Jahr 2012 etwa auf amazon.de derzeit mehr als 98.000 Bücher und DVDs gefunden. Google findet sogar 4,2 Millionen Einträge zu diesem Thema. Wird also 2012 die Welt untergehen? Werden wir einen Bewusstseinssprung, Polsprung, Sonnenstürme oder gigantische Erdbeben erleben? Oder wird nichts von all dem passieren?

Fakt ist, dass die Menschen permanent von Weltuntergang, ankommenden Göttern oder Bewusstseinssprüngen fantasieren. Diese Fantasien oder Projektionen sind zumindest phänomenologisch interessant. Im 20. Jahrhundert war es zunächst das Jahr 1984, dann 1999, schließlich 2000 und jetzt heißt die Projektionsfläche der Esoterik-Jünger eben 2012. Wir dürfen gespannt sein, welche Jahreszahl sich als neue Projektionsfläche ab Jänner 2013 anbieten wird! Vielleicht 2064 oder 2100? Wahrscheinlich wird uns dann erzählt, dass 2012 deshalb nichts geschah, weil unser Kalender aufgrund eines Rechenfehlers im Mittelalter falsch ist und wir eigentlich erst 1970 haben… Irgendeine tolle Erklärung wird den „Eingeweihten“ sicher einfallen. Und sie werden auch dann wieder ein Mords-Geschäft machen.

Was soll das überhaupt sein, ein „Welt-Untergang“? Das Jüngste Gericht mit Posaunen und die Tore der Hölle tun sich auf? Mag sein, dass religiöse Fanatiker von dergleichen fantasieren, um endlich all jene bestraft zu sehen, die nicht so leben wie sie. Meine persönliche Lieblingsfantasie – und es ist leider nur eine Fantasie – wäre eher die, dass allen religiösen Fundamentalisten mit einem Schlag bewusst würde, dass es so etwas wie Gott nie gegeben hat, nicht gibt und niemals geben wird. Zumindest nicht so, wie sie ihn/sie sich vorstellen. Gott, sagen sie, wolle unsere Freiheit und wäre absolute Liebe. Und doch meinen sie, dass er/sie uns für den kleinsten Fehltritt auf ewig ins Höllenfeuer werfen würde. Welche psychisch halbwegs gesunde Mutter und welcher psychisch halbwegs normale Vater würde sein Kind in alle Ewigkeit ins Feuer werfen, für EINEN Fehltritt? Gott aber wäre zu dergleichen fähig, als absolut Liebende/r? Nicht nur als Psychologe wage ich hier zu konstatieren, dass solche Vorstellungen einfach nur krank sind.

Überhaupt ist ja die Vorstellung von einem mächtigen Vatergott, der uns für jeden kleinen Fehltritt bestraft, schon im Ansatz kindlich. Ja, ich wage sogar den ketzerischen Gedanken, dass die jüdische, die christliche und die muslimische Religion im Kern Kinderreligionen sind. Das ist in Ordnung, so lange die Mehrheit der Menschen dieses Planeten ihrem Bewusstsein nach eher kindlich waren. Aber ist das heute noch der Fall? Oder ist ein großer Teil der Menschheit inzwischen so weit gereift, dass es erwachsenerer Formen von Religiosität bedarf? Einer Religion wie dem Buddhismus vielleicht, die gänzlich ohne Gott auskommt und der es vor allem um Bewusstwerdung geht? Oder einer Integration und Transzendierung der heutigen Religionen, wie sie etwa Ken Wilber 1) vorschlägt?

Zurück zum Thema Weltuntergang. So etwas wie einen Weltuntergang stellte zweifellos ein Atomkrieg dar. Wir heutigen Menschen sind in der zweifelhaft privilegierten Lage, diesen Planeten fast vollständig vernichten oder zumindest den größten Teil der Menschheit töten zu können. Mit Pfeil und Bogen ließ sich das nicht bewerkstelligen, wir Heutigen sind dazu aber in der Lage. Segen und Fluch der modernen Technik!

Und welcher Psyche bedarf es, sich dergleichen zu wünschen? Mir scheint, der Mechanismus ist immer der gleiche, nämlich ein tief sitzender Narzissmus als „Pflaster“ für das Gefühl von Ohnmacht oder Minderwertigkeit. Der Betreffende hat wenig Macht, in seinem Leben vielleicht wenig erreicht und deshalb ergeht er sich jetzt in Größenfantasien. „Ich weiß es besser, ihr werdet schon sehen!“ Allerdings würde ein Weltuntergang auch den so halluzinierenden oder fantasierenden zur Strecke bringen, wo liegt da also der Gewinn? Einfach nur, es besser gewusst zu haben? Oder sind diese Menschen so primitiv (archaisch, magisch im Sinne Jean Gebsers 2) ) zu glauben, dass ein (von ihnen selbst) erfundener Gott sie allein deshalb verschonen würde, weil sie über das nahende Ende oder die komplexen Zusammenhänge Bescheid wüssten?

Vielleicht ist es so, dass 2012 ein uralter Kalender der Maya endet. Na und? Von den Maya wissen wir nur, dass ihre Zivilisation bereits zu Ende ist. Ihre prophetischen Gaben scheinen Ihnen also nicht viel gebracht zu haben. Und warum sollte gerade dieser Kalender relevant für uns sein? Wikipedia listet mehr als 25 verschiedene Kalender auf (u.a. den christlichen, den hebräischen, den chinesischen, den islamischen,…), und der Maya-Kalender sollte derjenige sein, der über das Weltende entschiede?

Ich glaube da viel eher, dass der Maya-Kalender vor allem über den Umsatz von amazon und Co entscheidet, aber weniger über das Weltende. Und wenn schon Verschwörungstheorien, dann bitte richtig! Wenn die Mächtigen dieser Erde uns tatsächlich von hinten bis vorne manipulieren, könnte es dann nicht sein, dass ihnen der „2012-Hype“ gerade recht kommt, um die große Masse von den wahren Problemen dieser Erde abzulenken? Ist es nicht so, dass die meisten Menschen heute sich bereits in Lethargie flüchten oder gar depressiv werden, weil die schrecklichen Nachrichten dieses Jahres (Fukushima, Syrien, Schuldenkrisen, Hungerkatastrophe in Afrika, Überschwemmungen, Erdbeben, etc.) einfach zu viele sind, um noch bewältigt werden zu können? Die Eso-Jünger deuten das natürlich sofort wieder als Hinweis auf den nahenden Untergang. Und vielleicht geht hier etwas unter und entsteht hier etwas Neues. Allerdings bezweifle ich, dass wir heute lebenden Menschen das wirklich begreifen können, weil der Zeitgeist oder das herrschende wissenschaftliche Paradigma sich nicht über Nacht ändern, sondern der Wandel sich wohl über mehrere Jahrzehnte vollzieht. Es ist insofern wahrscheinlicher, dass die Geschichtsschreiber des 22. und der nachfolgenden Jahrhunderte sehr viel klarer sehen werden, welcher Wandel sich da Anfang des 21. Jahrhunderts wirklich vollzog. Dass nämlich ein Werte-Wandel im Gange ist, ist spürbar und entspricht auch den astrologischen Signaturen unserer Zeit (vgl. z.B. Artikel Uranus Quadrat Pluto). Es ist aber weder notwendig, noch hilfreich, gleich von Weltuntergang und dergleichen zu faseln. Viel sinnvoller wäre es, aufmerksam im Hier und Jetzt zu leben und gemäß unserem Bewusstseinsstand und den Impulsen unseres Herzens spontan zu leben, zu agieren und zu reagieren.

Die Sehnsucht nach einem spirituellen Aufstieg kann ich schon eher nachvollziehen, denn unsere Welt hat zweifellos eine Menge Probleme. Es ist müßig, diese hier alle noch einmal aufzuzählen – sie werden täglich in den Medien behandelt. Allerdings sind auch diese (Aufstiegs-)Fantasien, so wie sie in der diversen 2012-Literatur dargestellt werden, von ungeheurer Naivität. Soll am 21.12.2012 eine Welle des Bewusstseins über diese Welt schwappen, so wie es vielleicht in dem einen oder anderen Science fiction-Film dargestellt wird, und alle Menschen gleichzeitig erleuchtet werden? Widerspräche das nicht der menschlichen Freiheit? Ist das nicht die gleiche Weltuntergangs-Fantasie nur mit positiven Vorzeichen? Auch hier hätten wir Menschen keine Freiheit und wären von einem vorgestellten Gott vollkommen abhängig.

Die etwas optimistischeren Menschen unserer Tage fantasieren nicht von Weltuntergängen, aber sie orten überall in der Welt Mißstände, Ungleichgewichte und das Ende von Zyklen. Die Finanzwelt müsse vollkommen zusammenbrechen, die Energiewirtschaft einen Kollaps erleiden, etc. Sie fantasieren dann weiter davon, dass ein völliger Systemwandel kommen würde und alles geradezu paradiesisch würde. In der Welt gäbe es dann nur mehr Gerechtigkeit, nachhaltige Energiepolitik und überhaupt ausschließlich vernünftige, bewusste, achtsame Menschen. Eine schöne Vorstellung, zweifellos! Aber dennoch nur eine Vorstellung. Es mag schon sein, dass sich in den nächsten Jahren vieles ändert und manches wird vielleicht sogar besser werden. Aber das Paradies auf Erden wird wohl eher nicht kommen. Die Ungerechtigkeiten, Mißstände und Stockungen, die wir da und dort in der Welt sehen, hat es nämlich immer gegeben und wird es vielleicht immer geben. Wir müssen hier ein wenig aufpassen, dass wir nicht der nächsten Illusion aufsitzen, nämlich der von Neptun in Fische – nur noch paradiesische Zustände, wohin wir auch blicken! Solche kann es vielleicht irgendwann geben, wenn 80, 90 oder noch mehr Prozent der Menschheit erleuchtet (vollständig bewusst) wären. Soweit ich das beurteilen kann, sind wir davon aber noch mindestens genau so weit entfernt wie die Erde vom galaktischen Zentrum…

Einige Menschen scheinen wirklich eine ungeheure Begabung zu haben, aus allem eine Verschwörungstheorie zu machen. Teile Ihnen mit, dass irgendwo ein Erdbeben stattgefunden hat und sie werden sofort irgendwelche amerikanischen Geheimwaffen dahinter vermuten. Nun bin ich persönlich nicht in der Lage, dergleichen zu widerlegen. Andererseits frage ich mich, inwiefern mich das Wissen um solche Zusammenhänge persönlich irgendwie weiter brächte, so sie denn überhaupt existieren. Es kann schon sein und ist vielleicht sogar wahrscheinlich, dass die Medien teilweise im Dienste der Politik stehen und uns von Zusammenhängen und Problemen ablenken sollen. Aber selbst wenn das so wäre, bringen mich dann irgendwelche Privatfantasien wirklich weiter? Hier gefällt mir wieder die buddhistische Haltung bedeutend besser, wenn sie sagt: Vor der Erleuchtung: Wasser kochen und Holz hacken, nach der Erleuchtung: Wasser kochen und Holz hacken. An unserem menschlichen Tun hat sich nichts geändert, nur das Bewusstsein ist ein anderes geworden. Das allerdings ist unter Umständen für einen weniger bewussten Zeitgenossen gar nicht bemerkbar. Und so könnte es auch mit 2012 sein, falls da überhaupt irgend etwas dran ist, dass nämlich das Bewusstsein der Menschheit sich sehr wohl verändert, aber bei weitem nicht so auffällig oder sichtbar, wie viele sich das offenbar wünschen.

Den sinnvollsten Beitrag zu 2012 findet man übrigens bei Wikipedia. Er lautet: „Das Jahr 2012 ist ein Schaltjahr und hat 366 Tage.“ Viel mehr lässt sich über das kommende Jahr wohl auch nicht sagen. 😉

Literatur

1) Wilber, Ken (2007). Integrale Spiritualität. Spirituelle Intelligenz rettet die Welt. Kösel Verlag.

2) Gebser, Jean ( 2010). Ursprung und Gegenwart. Erster Teil. Novalis Verlag.

4 thoughts on “Das Jahr 2012

  1. Hallo Stefan, super Artikel
    sehr prägnant auf den Punkt gebracht, endlich mal eine andere Sichtweise, überhaupt das Ende dieses Artikels ist sehr klar und realistisch formuliert. Wahrscheinlich werden dich viele Esoterikanbeter kritisieren.

  2. Pingback: 2012 ff « hofastro

  3. Pingback: Und nochmal 2012 « hofastro

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