Astrologie, kritisch betrachtet

Ähnlich wie die Raketen zu Silvester, der Sekt um Mitternacht, der Kater am Neujahrsmorgen und das Neujahrskonzert im Fernsehen, ist es inzwischen Tradition geworden, am Jahresbeginn über Astrologen und Astrologinnen herzuziehen. Offenbar fällt den Journalisten nichts anderes ein. Dafür braucht man auch gar nicht groß recherchieren, oder sich in einem Fachgebiet auskennen. Dass Astrologen und ihre Anhänger lächerlich sind, weiß doch jeder. Oder?

Eigentlich ist es in der Wissenschaft und auch im Journalismus üblich, etwas vom Fachgebiet zu verstehen, um Kritik üben zu können. Nicht so bei den sogenannten Astrologie-Kritikern. Sie outen sich reihenweise als völlig ahnungslos, was die Astrologie betrifft und kritisieren trotzdem. Dabei würde ich noch nicht einmal behaupten, dass die Astrologie eine Wissenschaft wäre. Wozu auch? Für mich ist die Astrologie eher eine Kunst oder wenn man so will, ein Kulturgut. Wissenschaftlich beweisbar ist sie meines Erachtens nicht.

Was ist Astrologie?

Die Astrologie ist auch kein Glaubenssystem und keine Religion. Die (moderne) psychologische Astrologie ist im Grunde reine Empirie. Astrologen beobachten die Stellungen von Sonne, Mond und den Planeten im Tierkreis, untersuchen die Winkel der Planeten zu anderen Planeten und vergleichen diese mit konkreten irdischen Ereignissen. Wenn nun bestimmte Ereignisse unter bestimmten himmlischen Konstellationen immer wieder vorkommen, wäre das ein Hinweis auf ein überzufälliges Ereignis also einen irgendwie gearteten Zusammenhang. Diese Zusammenhänge sind immer wieder beobachtbar und damit auch vorhersagbar. Allerdings zeigt sich in der Art und Weise einer solchen Vorhersage schon die Seriosität eines professionellen beratenden Astrologen. Ein Beispiel möge das verdeutlichen. Seriöser Weise ist, etwa bei einem Saturn-Transit über die Venus, nur vorhersagbar, dass unsere Beziehungen einer Prüfung unterzogen werden, dass Auseinandersetzungen geführt werden und dass eine größere Ernsthaftigkeit in unsere Beziehungen kommen wird. Ob dies allerdings eine Eheschließung, einen Beziehungsabbruch oder gar einen Gewaltakt bedeuten wird, wissen wir nicht. Das hängt vom psychosozialen Hintergrund, von der Bildung, der Kultur, dem Alter und auch der Intelligenz sowie dem Bewusstseinsniveau des Horoskopeigners ab. Jemand, der sich tief mit sich selbst und seinen Beziehungen auseinandergesetzt hat, wird einen solchen Transit anders erleben, als jemand, der über seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche weitgehend unbewusst ist. Nichtsdestotrotz werden konkrete Auswirkungen des Saturn-Prinzips, das auf das Venus-Prinzip einwirkt, beobachtbar sein.

Wie aber ist so etwas möglich? Der Mediziner und Psychologe C.G. Jung entdeckte dazu das sogenannte Synchronizitätsprinzip, das seiner Meinung nach als zweites Prinzip neben dem kausalen Prinzip existiere. Er meinte, dass es nicht nur kausale Ereignisse (wenn A dann B) gäbe, sondern auch a-kausale, die sich zwar nicht bedingen, aber in einem Sinnzusammenhang stünden. Solche Sinnzusammenhänge können wir regelmäßig im Alltag beobachten, ohne dass wir ihnen üblicherweise allzu viel Beachtung schenken. So ruft z.B. eine Freundin genau in dem Augenblick an, wenn wir zum Telefon greifen wollen oder wir träumen von einem Ereignis, das sich am nächsten Tag tatsächlich ereignet.

Im Rahmen der Psychotherapie arbeiten insbesondere jene Therapeuten, die systemische Aufstellungen machen, ganz selbstverständlich mit diesem Prinzip. Und sie stellen dabei gar nicht einmal mehr die Frage, wie das möglich ist, dass eine völlig fremde Person plötzlich Gefühle, Gedanken und Körperempfindungen hat, die die Großmutter des aufstellenden Klienten immer wieder berichtet hatte. Wenn wir also die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass unsere Welt von Sinn erfüllt ist, so fällt es nicht mehr allzu schwer, Planetenkonstellationen am Himmel als symbolische Entsprechungen einer Zeitqualität zu sehen, die sich auch auf der Erde zeigt.

Insofern ist Glaube in der Astrologie irrelevant. Es geht vielmehr um Beobachtung, Vergleich und hypothesengeleitetes Schließen, solange bis wir eine Hypothese verwerfen müssen, weil zu viele Fakten dagegen sprechen. Nichts anderes machen wir in der Psychotherapie. Wir beobachten, vergleichen mit erlerntem Wissen und bilden Hypothesen über unsere Klienten, wobei wir versuchen so offen wie möglich zu bleiben, um zu sehen, ob diese Hypothese erhärtet werden kann oder verworfen werden muss.

Insofern wir es mit Menschen zu tun haben, ist die Astrologie keine exakte Wissenschaft, ebenso wenig wie die Medizin, die Psychotherapie oder die Psychologie exakte Wissenschaften sind. Zwar haben letztere sehr viel ausgefeiltere Methoden entwickelt, aber jeder, der sich einmal intensiv mit Statistik beschäftigt hat, weiß, dass mit Statistik nahezu alles (und auch das Gegenteil) beweisbar ist. Wenigstens aber haben Medizin, Psychotherapie und Psychologie einen Hintergrund, um die Wirkungsweise ihrer Methoden, Techniken und Verfahren ansatzweise erklären zu können. Allerdings werden auch in der Medizin lediglich Zusammenhänge hergestellt, ohne im Einzelfall jedes Mal erklären zu können, was die genaue Kausalität ist. Nicht umsonst wird die westliche Schulmedizin häufig dafür kritisiert, dass sie nur Symptome, nicht aber den ganzen Menschen behandle.

Die Astrologie kann nicht erklären, warum Planetenstände offenbar etwas über das menschliche Leben und die Entwicklungen in der Welt auszusagen vermögen. Handelt es sich um einen göttlichen Plan? Ist in unserer Welt, wie die Physik offenbar gerade dabei ist zu entdecken, alles mit allem verbunden? Wir wissen es (noch) nicht. Und genau das ist unsere Achillesferse, die Kritiker, selbst jene, die sich ein wenig auskennen, geschickt gegen uns verwenden. Ich persönlich bin jedoch froh, dass wir in unserer Welt nicht alles restlos verstehen und erklären können. Wäre dem so, so könnten wir bereits bei der Geburt eines neuen Menschen den kompletten Verlauf seines Lebens bis zu seinem Todestag präzise vorhersagen. Wäre das nicht langweilig?

Aussagegrenzen der Astrologie

Obendrein sind wir aufgerufen, uns immer wieder zu vergegenwärtigen, was die Astrologie NICHT kann. Diese Aussagegrenzen sollen im Folgenden kurz skizziert werden:

  • Die Astrologie ist nicht in der Lage, konkrete Situationen vorauszusagen. Sie beschreibt lediglich die Zeitqualität, bestimmte vorherrschende Stimmungen, Themengebiete und Tendenzen.
  • Die Astrologie kann uns nichts darüber sagen, wie alt ein Mensch werden wird, welche Krankheiten er eventuell bekommt oder welche Schicksalsschläge ihm widerfahren werden.
  • Die Astrologie kann uns nichts über die grundsätzliche Lebenszufriedenheit eines Menschen sagen. Sie kann lediglich Hinweise liefern, welcher Elemente er bedarf, um glücklich werden zu können oder sein Potenzial bestmöglich zu leben.
  • Das Radix (Geburtshoroskop) eines Menschen sagt nichts über seine Bewusstseinshöhe oder seine Ethik aus. Aus dem Radix ist auch nicht erkennbar, ob es sich um das Geburtshoroskop eines Menschen, eines Legehuhns oder das Gründungshoroskop eines Großkonzerns handelt.
  • Das Horoskop liefert uns ebenso wenig Hinweise auf die psychologische Reife eines Menschen. Es zeigt uns, wie jemand seinen Reifungsprozess voranbringen kann, aber nicht, wo jemand steht.
  • Faktoren wie Intelligenz, Behinderung oder dergleichen sind aus dem Horoskop nicht ablesbar. Es kann uns lediglich Hinweise liefern, wie jemand am besten lernt (Bsp.: Braucht jemand viel geistige Anregung oder praktische Beispiele? Interessiert jemand sich eher für abstrakte Philosophie oder für gefühlsintensive Geschichten?).
  • Das Horoskop liefert uns keine Hinweise, welchen Beruf jemand erlernen soll, sondern nur, welche Voraussetzungen sein Beruf haben muss, damit er zufrieden ist. Martin Seligmann (siehe Literatur, unten) würde – sofern er sich mit Astrologie beschäftigte – vermutlich formulieren: das Horoskop zeigt uns, welche die Signaturstärken eines Menschen sind.
  • Die Astrologie ist nicht in der Lage zu bewerten, welche Partner ideal für uns sind oder welche Partnerschaft von Dauer sein wird. Sie kann lediglich Anhaltspunkte liefern, in welchen Bereichen wir harmonieren werden und in welchen es Kommunikationsschwierigkeiten geben wird.

Ähnliches gilt natürlich auch für die Mundanastrologie (das ist jene Astrologie, die sich mit dem Weltgeschehen beschäftigt, in Abgrenzung von der Individualastrologie, die sich mit den Anlagen und Möglichkeiten eines einzelnen Menschen beschäftigt). Um ein Beispiel zu nennen: Saturn auf der Sonne eines Landes symbolisiert für dieses Land die Erfahrung von Enge, von begrenzten Möglichkeiten oder härteren Zeiten. Die konkreten Auswirkungen können jedoch nicht vorausgesagt werden. Hier erst setzt die astrologische Forschung an. Wir können uns ansehen, welche Erfahrungen in diesem Land bei allen früheren Übergängen von Saturn über die Sonne gemacht wurden. Wir können die politischen Strukturen – sofern wir etwas davon verstehen – einschätzen und die Entwicklungen der letzten Jahre betrachten und dann gewisse wahrscheinliche Entsprechungsmöglichkeiten voraussagen. Eine derart konkrete Aussage wie: „Der Präsident wird am soundsovielten von einem religiösen Fanatiker erschossen“, ist jedoch anmaßend und ziemlich sicher falsch.

Auf der Seite der Wirtschaftskammer Wien gibt es übrigens einen Artikel, der sich mit den 7 dümmsten Vorurteilen gegen die Astrologie auseinandersetzt.

Ich selbst habe mich ebenfalls in zahlreichen Beiträgen in diesem Blog kritisch mit der Frage auseinandergesetzt, was Astrologie kann und was sie nicht kann. Hier einige der Beiträge:

Andere Beiträge in diesem Blog beschäftigen sich eher allgemein mit meiner Sicht der Astrologie, z.B.:

Literatur

Faß, Holger (2011). Meridian – Fachzeitschrift für Astrologie, Ausgabe 2/2011.
Jung, C.G. (2001). Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge. Gesammelte Werke, Band 8 (Seiten 457-553). Walter Verlag.
Seligmann, Martin (2010). Der Glücksfaktor. Warum Optimisten länger leben. Bastei Verlag.

3 thoughts on “Astrologie, kritisch betrachtet

  1. Pingback: Mundanastrologie | hofastro

  2. Pingback: AstrologInnen als Witzfiguren | hofastro

  3. Pingback: Häufige Einwände gegen die Astrologie | hofastro

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s