Unwissenschaftlich

Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinsammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen,eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.

(Kohelet, 3, 1-8)

Von den Kritikern der Astrologie wird uns – und damit meine ich AstrologInnen und andere Menschen, die sich mit sogenannten spirituellen Themen beschäftigen – gerne vorgeworfen, die Astrologie sei unwissenschaftlich, unseriös und wertlos.

Unwissenschaftlich mag ja sein. Aber muss denn heutzutage alles wissenschaftlich sein? Dieser Vorwurf wird ja heute fast ebenso fanatisch vorgetragen wie der Vorwurf von mittelalterlichen Christen, die überall unchristliches und Häresie vermuteten. Und ja, es gab damals auch nicht-christliche Religionen, es gab Philosophien, die sich weit von der kirchlichen Lehrmeinung entfernten. Na und? Abgesehen davon, dass Menschen, wenn sie sich zu weit vom katholischen Dogma entfernten zu Außenseitern wurden oder sogar ihr Leben riskierten, hat sich die Welt trotz dieser anderen Meinungen weitergedreht und tut es noch heute.

In unserer Zeit heißt das Dogma oder die neue Religion (?) „Wissenschaft“ und damit ist eine in Wirklichkeit seit 100 Jahren veraltete, viel zu enge Form der Naturwissenschaft gemeint. Quantenphysik, moderne Biologie und auch Psychologie haben seit Beginn des 20. Jahrhunderts so viele neue Erkenntnisse gewonnen, dass dieses Paradigma längst nicht mehr haltbar ist. Allerdings weigern sich Physik, Biologie und Neurowissenschaften hartnäckig, nach der Bedeutung der Erkenntnisse zu fragen, die sie laufend gewinnen. Das, so meinen sie, sei Aufgabe der Theologie, die ihrerseits, soweit es weite Teile Europas betrifft, ihre allerletzten Schlachten schlägt und sehr bald in der Bedeutungslosigkeit versinken wird.

Wenn aber die Wissenschaften UND die Theologie in der Frage nach der Bedeutung völlig versagen, wer oder was bleibt dann noch übrig? Die traurige Wahrheit ist wohl, dass niemand übrig bleibt, außer Geschäftemacher, Sekten, obskure Gurus und Propheten und ja, Wirtschafts-Analysten und Zukunftsforscher. Für viele Menschen ist das nicht besonders befriedigend. Sie wenden sich daher altem Wissen zu und entdecken es neu. Dass viele dieser Suchenden auch gewaltig in die Irre geführt werden, ja teilweise sogar heiler-süchtig (Sucht ständig Esoterik-Hotlines anzurufen) werden, ist eine traurige Tatsache. Das weite Feld der Spiritualität und Sinnsuche ist (auch) gefährlich und kann uns in noch größere Verwirrung stürzen, ja sogar in die Psychose treiben.

Und es kommt noch etwas dazu, was unsere Zeit so schwierig für viele Menschen macht. Wir leben heute von so viel Technik umgeben, dass wir die Wahrnehmung der natürlichen Rhythmen völlig verlernt haben. Es scheint, dass wir von unserer ganzen Technik rund um die Uhr gehetzt werden. „Ich bin im Stress“, ist heute ein so geflügeltes Wort geworden, dass beinahe schon als verdächtig gilt, wer es nicht ist. „Mir geht es gut. Ich habe sehr viel Zeit im Moment. Ich lese viel und mache lange Spaziergänge.“ – Das sind Sätze, die Sie heutzutage verdächtig erscheinen lassen, eigenbrötlerisch und seltsam. Wer nicht im Stress ist, ist entweder arbeitslos oder seiner Natur nach ein ziemlich schräger Vogel.

Die Astrologie vermag uns hier etwas zu geben, was viele Wissenschaftler und auch viele anderen spirituellen Wissensbereiche nicht können, nämlich ein Gefühl für Rhythmen und die Qualität der Zeit. Die Astrologie zeigt uns, dass es bestimmte Zeiten zum Säen und bestimmte Zeiten zum Ernten gibt, wie das auch das Buch Kohelet im Alten Testament so wunderbar beschreibt, das wohl wie die Astrologie deutlich älter als 2000 Jahre ist. Und gerade weil die Astrologie im Verständnis und im Ermessen der Bedeutung der Zeit mir und so vielen anderen Menschen hilfreich ist, erachte ich sie nicht als wertlos. Unwissenschaftlich mag sie meinetwegen sein. Van Goghs Sonnenblumen, Mozarts Zauberflöte oder Goethes Faust sind auch nicht wissenschaftlich. Sind sie deshalb etwa wertlos?

Ich schreibe diese Zeilen unter dem Eindruck eines Kongresses über Neurowissenschaft und Tiefenpsychologie, von dem ich gerade zurückkehrte. Und dort wurde unglaublich viel Gelehrtes doziert, Wissenschaftliches vorgetragen, mit Fachausdrücken geradezu geprotzt. Zugegeben, manches brachte mich auf neue Ideen, da und dort wurde ich auf etwas aufmerksam, was ich bisher nicht so betrachtet hatte. Alles in allem aber war es ein unglaublich theoretischer, kalter und durch und durch toter Sermon, der geeignet war, mir meine Luft zum Atmen zu rauben und meine Lebendigkeit zu entziehen. Viel Hirn, aber null Herz! In der Psychotherapie geht es um Menschen und doch habe ich das Wort „Liebe“ an diesem Kongress nicht ein einziges Mal gehört. Wenn das Wissenschaftlichkeit ist, bin ich lieber unwissenschaftlich…

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