Einseitige Wahrheiten

Es gibt ebenso wenig hundertprozentige Wahrheit wie hundertprozentigen Alkohol. (Sigmund Freud)

Nichts ist leichter als Selbstbetrug, denn was ein Mensch wahr haben möchte, hält er auch für wahr. (Demosthenes)

Unter dem Eindruck des laufenden Uranus-Pluto-Quadrats und des Durchgangs von Neptun durch die Fische werden die Auseinandersetzungen über Wahrheiten und Weltanschauungen immer härter. Naturwissenschaftliche Skeptiker schreiben etwa in ihren Blogs ständig gegen Astrologen und „andere Esoteriker“ an, die ihrer Meinung nach nur Unsinn verbreiteten. Menschen wiederum, die sich mit Spiritualität und Naturphilosophie beschäftigen, bekämpfen jene ewiggestrigen Naturwissenschaftler, die ihrer Meinung nach über die Physik Newtons nicht hinausgelangt wären. Und so spucken beide Parteien wechselseitig in den Garten der anderen.

Naturwissenschaft contra Religion

Die einen behaupten, dass die Naturwissenschaft das einzig Wahre sei, weil nur sie experimentell verifizier- oder falsifizierbar sei, wohingegen alles Spirituelle eine Sache des Glaubens wäre. Aber ist es wirklich so einfach? Ist Religion wirklich eine Sache des Glaubens? Ich meine, ja und nein. Und zwar kommt es darauf an, ob wir von einer lebendigen religiösen Haltung oder von toter Religiosität sprechen.

Symbolfoto ReligionReligio heißt ursprünglich „gewissenhafte Berücksichtigung“ und kommt vom lateinischen relegere, was mit „rückbinden“ übersetzt werden kann. Wenn wir davon ausgehen, dass Religion also eine radikal subjektive Angelegenheit ist und primär auf Erfahrung beruht, so könnten wir sagen, dass dort wo Glauben erforderlich ist, die Religion bereits tot ist. Was ich sagen will, ist, dass ich mich selber auf einen spirituellen oder religiösen Weg begeben kann, durch Meditation, Naturerfahrung und eine präzise Schau in mein Inneres oder einfach vorhandene Glaubensvorstellungen, etwa christliche, jüdische, islamische oder andere übernehmen kann. Das ist die Variante für die Ängstlichen, oder wie ein Freund von mir es ausdrücken würde, derer, die vor Gott beschützt werden müssen. Jene aber, die sich selbst auf die Suche machen, brauchen keine religiösen Systeme oder vorgefertigte Wahrheiten, sie brauchen lediglich Methoden, um diese Wahrheiten selbst finden zu können. Symbolfoto WissenschaftNoch besser wäre es natürlich, wenn sie sich als Suchende begriffen und nicht als solche, die eine endgültige Wahrheit finden könnten. Das kann die religiöse Erfahrung nämlich ebenso wenig bieten wie die Naturwissenschaft endgültige Wahrheiten liefern kann. Eine Wahrheit gilt hier wie dort immer nur solange, bis sie falsifiziert wird. Wir könnten also sagen, dass das sich Einlassen auf religiöse Erfahrung eine zutiefst wissenschaftliche Angelegenheit ist. Der einzige Unterschied ist, dass Wissenschaft immer in der äußeren Welt und in der Gesellschaft nach (vorläufigen) Wahrheiten sucht, während der religiös Suchende innere, zutiefst subjektive Wahrheiten sucht. Und nur insofern mag der Argwohn der Naturwissenschaftler begründet sein. Religiöse Wahrheit ist mitteilbar, aber sie ist nicht wiederholbar, sichtbar und äußerlich. Zwar ist es möglich, dass 100 Menschen, die regelmäßig meditieren, nach einigen Jahren ähnliche oder sogar die gleichen Erfahrungen machen, beweisbar wird das aber nie sein, selbst dann nicht, wenn naturwissenschaftliche Indizien (z.B. EEG-Messungen oder Messungen der Erregungsniveaus oder Hautwiderstände) dafür sprächen. Denn auch das sind wieder nur äußere, objektive Größen, die wohl gewisse Rückschlüsse zulassen, aber dennoch nichts Endgültiges über die subjektiven, inneren Erfahrungen und Wahrheiten der betreffenden Menschen aussagen.

Wahrheit und Angst

Frei nach André Gide, möchte ich mich an den Grundsatz halten: Umgib dich mit Menschen, die aufrichtigen Herzens die Wahrheit suchen, aber hüte dich vor denen, die sie gefunden haben!

Psychodynamisch gesprochen sind jene Menschen, die endgültige Wahrheiten für sich gefunden zu haben meinen, zutiefst von Angst geprägt. Und Angst ist auch die Wurzel jedes religiösen oder politischen Fundamentalismus. Wenn ich nämlich (relativ) angstfrei bin, muss mich die Meinung von Andersdenkenden, Andersgläubigen nicht stören, ich kann sie getrost neben meiner Meinung gelten lassen. Je größer aber die Angst ist, desto radikaler muss ich gegen Andersdenkende vorgehen, denn sie bedrohen mein Weltbild und damit meine Existenz. Es ist ja schon spannend, dass insbesondere religiöse Fundamentalisten in ihren Blogs oft überproportional häufig über Homosexualität schreiben oder dass sogenannte Naturwissenschaftler überproportional häufig gegen Astrologie hetzen. In auch nur ungefährer Kenntnis des Phänomens der Projektion könnte man da schon sehr tiefe Rückschlüsse ziehen, auf die unbewussten Komplexe, Wünsche und Phantasien. Wenn ich permanent auf jemanden oder etwas schimpfen muss, dann hat diese Sache notwendig etwas mit mir zu tun, jedenfalls sofern Freud, Jung und andere Pioniere der Psychoanalyse und Psychotherapie Recht haben. Ein Sprichwort sagt: „Was Peter über Paul sagt, sagt oft mehr über Peter als über Paul“, und bringt damit das Gesagte auf den Punkt.

Es ist noch nicht so lange her, dass das was Wissenschaft untersuchte von der Kirche abgesegnet werden musste. Standen die Ergebnisse im Widerspruch mit der kirchlichen Lehre, so wurde der Forscher zum Widerruf gezwungen oder sogar auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Dann kam die Aufklärung mit ihrer Betonung der Vernunft und allmählich wurde alles, was nur irgendwie nach Religion roch, suspekt oder zumindest nicht ernst genommen. Aber ist das nicht ebenfalls eine zumindest einseitige, wenn nicht sogar dogmatische Haltung? Gibt es in unserer Welt nur Wissenschaft? Der Mensch hat seit jeher Kunst hervorgebracht, er hat immer schon transzendente Wesen (Geister, Ahnen, Götter) verehrt und angebetet und wenn er nicht ganz versteinert ist, weiß er seit jeher, dass das Berechenbare, das Äußere, rein gar nichts wert ist, wo die Liebe fehlt. Liebe aber kann man nicht berechnen, ja es ist sogar schwer, sie zu definieren. Fragen Sie mal einen vollkommen rationalen Naturwissenschaftler, ob er seine Frau liebt. Und sollte er mit „ja“ antworten, fragen Sie ihn doch weiter, woher er das weiß. Wahrscheinlich wird er dann ins Stottern kommen. Es ist möglich, dass er etwas von Hormonstatus, Hirnwellen, Pulsfrequenz oder ähnlichem faselt. Und das sind Teilwahrheiten, die wiederum nur das Äußere, objektiv Messbare betreffen, über das innere Erleben jedoch sehr wenig aussagen.

Wo also liegt die Lösung dieses unseligen Streits? Unbestritten haben uns die Wissenschaften viele Erkenntnisse gebracht, die uns ein sehr angenehmes Leben bescheren. Und nicht zuletzt haben sie uns auch Probleme beschert, die wir noch vor wenigen Jahrzehnten nicht kannten, etwa hohe Arbeitslosigkeit durch zunehmende Auslagerung von Arbeitsabläufen ins billige Ausland, aber auch durch eine immer höhere Komplexität unserer Wirtschaft und höhere Bildungsanforderungen. Die zunehmende Säkularisierung andererseits hat unser Leben Sinn entleert und lässt vielleicht den einen oder anderen Menschen an Orten nach Wahrheiten suchen, wo er sie wahrscheinlich nicht finden wird. Vielleicht sind manche von uns, deren spirituelle Sehnsüchte übermächtig werden, wirklich allzu gutgläubig und zu vertrauensselig. Aber disqualifiziert sie das als Idioten? Sind nicht auch Wissenschaftler oft falschen Fährten gefolgt und ergab sich nicht wissenschaftlicher Fortschritt gerade aus den Irrtümern? Edison soll, als 2000 Versuche eine Glühbirne zu bauen bereits fehlgeschlagen waren, gesagt haben: „Immerhin kenne ich jetzt 2000 Möglichkeiten, wie es NICHT funktioniert.“ Das nenne ich eine wahrhaft weise Sicht der Dinge! Die Wahrheit derer, die allzu leichtgläubig sind, ist jedenfalls die Wahrheit einer tiefen Sehnsucht nach Transzendenz, nach Liebe und Erkenntnis. Und so wie viele der Wissenschaft vertrauen, obwohl sie uns auch so schreckliche Errungenschaften wie die Atombombe beschert hat, sollten wir auch jenen vertrauen, die sich aufmachen auf den Weg nach innen.

Krise als Chance

Als die Welt 2008 unvermittelt in eine Wirtschaftskrise stürzte (Pluto war gerade in den Steinbock eingetreten), die wohl so bald nicht vorüber sein wird, herrschte zunächst viel Verwirrung. Menschen waren schockiert über finanzielle Verluste und vielleicht über den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Allmählich mussten und müssen immer mehr unserer bisherigen Selbstverständlichkeiten, wie der Umgang mit Geld, der Umgang mit Energie, der Umgang mit Arbeitskraft und Besitz, der Umgang mit Aggression und Verzweiflung, grundlegend hinterfragt werden (eine Entsprechung des Uranus Quadrats zu Pluto). Und das geschieht auch. Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass der breiten und interessierten Öffentlichkeit noch nie so viel Wissen über Zusammenhänge in wirtschaftlichen Belangen, wie überhaupt in globalen Zusammenhängen, zugänglich war wie heute. Die Transparenz in diesen Dingen wächst und das halte ich für eine sehr gute Entwicklung. Sie ermöglicht auch, dass mehr Menschen nachdenken können und sich an den Diskussionen beteiligen können. Je mehr Menschen Zugang zu Wissen und Information haben, desto mehr Menschen können auch zu einer Lösung beitragen. Insofern ist die Globalisierung, die vielen als die Wurzel allen Ungemachs erscheint, und die wohl mit der Uranus-Neptun-Konjunktion von 1993 (exakt am 2.2.1993, 20.8.1993 und 24.10.1993 zwischen 18°30‘ und 19°30‘ Steinbock) begann, auch eine großartige Chance. Wir sollten sie nützen und einander zuhören. Ich muss nicht alles sofort gutheißen, was andere Menschen mir mitteilen, aber ich sollte es mir zumindest anhören und mich ehrlich fragen, wie es meinen eigenen Standpunkt erweitern könnte.

Menschen, die sich als spirituell oder religiös begreifen, werden ihre Wahrheiten anders formulieren, als Menschen, die sich als atheistische oder agnostische Naturwissenschaftler begreifen. Aber letztendlich scheint es ein bisschen so zu sein wie die sechs Blinden der Parabel, die einen Elefanten beschreiben sollen.

Sechs blinde Männer wurden gebeten zu bestimmen, wie ein Elefant aussieht. Und sie machten sich daran, das Tier zu befühlen. Jeder aber berührte einen anderen Körperteil. Der Blinde, der das Bein befühlte, sagte, dass ein Elefant wie eine Säule sei; der, der den Schwanz befühlte, dass ein Elefant sich wie ein Seil anfühle; der, der den Rüssel befühlte, dass ein Elefant Ähnlichkeit mit einem Ast habe; der, der das Ohr befühlte, dass ein Elefant wie ein Handfächer sein müsse; der, der den Bauch befühlte, dass ein Elefant sich wie eine Wand darstelle; der, der den Stoßzahn befühlte, dass ein Elefant wie eine solide Röhre sein müsse.

Ein Weiser erklärte ihnen dann, dass sie alle Recht haben und ihre Beschreibungen nur deshalb unterschiedlich ausfielen, weil ein jeder einen anderen Körperteil befühlt hatte.

Die Wahrheit kann gemäß diesem Gleichnis auf unterschiedliche Art erklärt werden. Und die Lösung für uns alle liegt auf der Hand: wir müssen lediglich in Erwägung ziehen, dass unsere Wahrheit eine vorläufige, eine Teilwahrheit ist. Ein halbwegs bescheidener Wissenschaftler fügt seinen Ausführungen auch häufig die Worte hinzu: „Soweit wir bisher wissen.“ Und auch in der Astrologie würde es uns sehr gut anstehen, ein wenig bescheidener zu sein und unsere Aussagegrenzen zu berücksichtigen. Die Astrologie ist zweifellos in der Lage, gewisse Rückschlüsse auf die Zeitqualität zu ermöglichen. Da und dort können wir Ereignisse, Erfahrungen und Konflikte mithilfe der Astrologie besser verstehen. Vieles aber wissen wir auch nicht. Das größte Manko ist sicher eine fundierte Theorie der Astrologie, also ein Erklärungsansatz, warum sie funktionieren könnte. Und wer weiß, vielleicht kann gerade die Wissenschaft uns diesen eines Tages liefern.

One thought on “Einseitige Wahrheiten

  1. Hallo Herr Hofbauer,

    anbei eine Zeile aus ihrem Artikel, auf die ich gerne eine Antwort geben möchte:
    ZITAT: „Liebe aber kann man nicht berechnen, ja es ist sogar schwer, sie zu definieren.“

    Hier kann ich vielleicht mit einer Beschreibung zum Thema Liebe aushelfen, an der ich mich schon seit Jahren orientiere. Dazu muss ich ein klein wenig vorweg erläutern.

    Jeder Sachverhalt besteht aus drei voneinander unabhängigen Tatbeständen, die in einer Situation zusammenkommen und im Effekt eben diesen Sachverhalt entstehen lassen. Der Sinn dieses Zusammenkommens in einer Situation lässt sich dann eben aus der Verbindung der drei Tatbestände ableiten.

    Nun zur Liebe. Der Sachverhalt Liebe wird durch das Zusammentreffen folgender drei Tatbestände begründet: Hingabe + Annahme + das gemeinsame Wissen darüber = Liebe.

    Wie diese Beschreibung nahelegt, ist Liebe also ein Effekt, der sich durch das oben beschriebene Zutun zweier Menschen situativ einstellt. An Liebe gibt es also nichts zu haben, man kann sie durch beiderlei gleiches Tun nur immer wieder erleben. Der Sinn steckt dann bereits drin: die Stiftung von Gemeinschaft!

    Wie gesagt, eine Beschreibung, deren Wahrheitsgehalt jeder für sich überprüfen kann.

    Viele Grüße aus Frankfurt

    Mathias Engel

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