Pluto und Paranoia

Wir leben in einer Zeit, die sehr stark vom Pluto-Uranus-Quadrat geprägt ist. Pluto im Steinbock hat nicht nur mit Macht und allmählich zerbröckelnden Systemen zu tun, die nicht mehr tragfähig sind, sondern ganz zentral auch mit Schattenthemen. Es kommt dasjenige an die Oberfläche, was wir als Menschheit bisher nicht sehen wollten. Und dort, wo wir uns weiterhin hartnäckig weigern, uns selbst mit Schattenthemen, abgespaltenen Anteilen des Kollektivs oder möglichen unbewussten Motiven auseinanderzusetzen, neigen wir dazu, „das Böse“ nach außen zu projizieren und werden zunehmend paranoid. Genau über diesen Mechanismus möchte ich in diesem Beitrag schreiben.

Psychodynamik der Paranoia

Paranoia ist eine psychische Störung, bei der der Betreffende ein Vorstellungssystem aufbaut, das einerseits nicht grundsätzlich unmöglich ist, andererseits aber in seinem Ausmaß doch deutlich von der Wahrnehmung der Mehrheit abweicht. Ein typisches Beispiel ist der Verfolgungswahn. Dass wir verfolgt werden, ist grundsätzlich möglich. Ebenso wäre es im Falle eines Liebeswahns grundsätzlich möglich, dass sich ein Hollywoodstar in uns verliebt. Das Ausmaß dieses Wahnsystems ist beim paranoiden Menschen aber so gross und so unkorrigierbar, dass sich jeder gesündere Mensch sofort fragt, ob das denn noch wahr sein kann.

Die betreffende Person erscheint äußerlich normal, hat jedoch eine Persönlichkeitsstruktur mit einer deutlichen Beziehungsproblematik, zum Beispiel die Überzeugung, dass alle, wirklich alle Menschen der betreffenden Person feindlich gesinnt sind. „Umstände wie Einsamkeit, Schwerhörigkeit, körperliche Beeinträchtigungen und sozialer Milieuwechsel können die Wahnentwicklung begünstigen. Zu Beginn der Krankheit stehen häufig chronische Konflikte, Misserfolge und Kränkungen, die sich bei der entsprechenden Persönlichkeitsstruktur zum Wahnerleben weiterentwickeln können.“ (Paulitsch, 2004)

Gegenstand der Paranoia sind psychodynamisch häufig abgespaltene Gefühle. So wird ein Mensch, der ein sehr hohes, menschenfreundliches Ideal für sich in Anspruch nimmt, jedoch seine eigenen Aggressionen nicht sehen kann, d.h. nicht eingestehen will, sich bei entsprechender Persönlichkeitsstruktur und den oben genannten begünstigenden Faktoren allmählich verfolgt fühlen. Wo ein gesunder Mensch mit ausreichend gut gelebter Aggression, verbal angreifen wird oder bei sehr starker Bedrohung unter Umständen sich sogar körperlich zur Wehr setzen wird, lebt der Paranoiker die Aggression, indem er sie in seine Umwelt projiziert und sich passiv verfolgt fühlt. Dies bedeutet nicht, dass ein solcher Mensch weniger aggressiv wäre, es bedeutet lediglich, dass er sich seine Aggression nicht eingestehen kann. Aggressiv sind für ihn nur die anderen.

In der Gestalttherapie gehen wir außerdem davon aus, dass jede psychische Störung ursprünglich eine sinnvolle Lösung der Psyche für ein bestimmtes Problem oder einen unaushaltbaren Konflikt war. Im Falle der Paranoia stellen starke Kränkungen einer Person sowie Einsamkeit ein Ungleichgewicht in der Psyche dar, das durch den Verfolgungswahn ausgeglichen werden soll. Schließlich könnten wir sagen, dass ich wichtig, bedeutend und mächtig sein muss, wenn ich verfolgt werde. Die Psyche stellt also durch die Paranoia das sogenannte narzisstische Gleichgewicht wieder her. Der Begriff narzisstisches Gleichgewicht meint ein positives Selbstwertgefühl und ist nichts Pathologisches! Wir alle geraten in Schwierigkeiten, wenn dieses narzisstische Gleichgewicht durch starke Kränkungen, extreme Einsamkeit oder traumatische Erfahrungen massiv gestört wird. Die Psyche findet dafür dann eine Lösung, um dieses narzisstische Gleichgewicht wieder herzustellen. Ein Beispiel: ein Jugendlicher, der wegen seines Aussehens gemobbt wird, weil er im Vergleich mit den Gleichaltrigen zu dick, zu dünn oder zu klein ist, wird dieses narzisstische Ungleichgewicht vielleicht dadurch ausgleichen, dass er besonders viel liest, sehr gute schulische Erfolge erzielt und sich nach und nach für deutlich intelligenter hält als alle anderen. Für die Psyche ist das zunächst eine gute Lösung. Problematisch wird diese Lösung dann, wenn sie beibehalten wird, obwohl die Umstände sich geändert haben, also in diesem Fall das Mobbing längst nicht mehr besteht. Dann könnte dieser Mensch als Erwachsener besonders unnahbar und als Snob erscheinen, mit dem niemand etwas zu tun haben will.

Dass Paranoia die ursprüngliche Lösung für massive Kränkungen und extreme Einsamkeit sein könnte, entspricht übrigens auch der klinischen Beobachtung, dass Menschen, die wieder zunehmend Sozialkontakte aufbauen und deren ursprünglich erlittene Kränkungen allmählich heilen, ihre Paranoia häufig auch wieder loslassen können. Dabei wird der Verfolgungswahn zunächst korrigierbar, d.h. die Person kann es wieder zulassen, die feste Überzeugung verfolgt zu werden, in Frage zu stellen („Okay, ich könnte mich auch irren.“) und schließlich verschwindet der Wahn zu Gänze oder weicht vielleicht einer gesunden Vorsicht und einem Misstrauen, das auch viele gesunde Menschen haben würden.

Das Beispiel Amerika

Da die Astrologie auch die Horoskope von Institutionen, Firmen und Staaten untersucht, können wir, bei Vorhandensein eines Gründungshoroskops, solche Tendenzen auch für ganze Gemeinschaften beobachten. In ganz besonderem Maße können wir den Mechanismus der Paranoia für die Vereinigten Staaten von Amerika beobachten. Diese Nation, die sich selbst gerne als friedliebend, demokratisch und fortschrittlich darstellt, ist im Kern zutiefst aggressiv. So gibt es seit dem zweiten Weltkrieg, soweit mir bekannt, keine einzige Zeitperiode, wo die USA nicht Krieg geführt haben. Überall da draußen sind ihre Feinde, Schurkenstaaten oder „Achsen des Bösen“. Sie selbst erachten sich jedoch als die Guten.

USA

USA Staatshoroskop, 4.7.1776. 16:47 Uhr, Philadelphia, PA

Betrachten wir das Gründungshoroskop der USA, so sehen wir eine Krebs-Sonne im 8. Haus und einen Schütze-Aszendenten. Der Schütze-Aszendent ist offenbar dafür verantwortlich, dass die USA aller Welt die Demokratie bringen wollen. Schütze steht für Werte und für Expansion, für fremde Reisen und für Spiritualität. „Wir sind die Guten und wir bringen euch Werte, Demokratie und Fortschritt!“ Und das Ganze machen sie ordentlich und gründlich, wie es dem Jungfrau-MC entspricht. Etwas sarkastisch formuliert könnten wir sagen: Dort wo Amerika hinkommt, bleibt kein Stein auf dem anderen. Aber schließlich war es ja nur das Böse, was beseitigt wurde…

Eine Sonne im 8. Haus ist grundsätzlich sehr häufig mit Stirb- und Werde-Prozessen konfrontiert, kämpft mit inneren Dämonen und mit Schatten, die ihrer Natur nach unbewusst sind. Da eine ganze Gemeinschaft von vornherein unbewusster agiert als ein Individuum, werden diese Schatten jedoch nicht konfrontiert, d.h. im eigenen Land gesucht, sondern nach außen projiziert. Die Feinde sind da draußen und müssen aktiv bekämpft werden.

Eventuell könnte der rückläufige Merkur im 8. Haus, der gleichzeitig auch der Herrscher des Deszendenten und des MC ist, auch darauf hinweisen, dass man hier manchmal auch krumme Wege beschreitet, um sein Ziel zu erreichen. Es geht also nicht immer mit rechten Dingen zu, man ist nicht immer ganz ehrlich. Die „dunklen Machenschaften“ sind wahrscheinlich auch mit Neptun und Lilith am MC abgebildet.

Amerika erlebt in unserer Zeit eine Pluto-Opposition mit der Sonne (bei 5 Grad Orbis, in der Zeit von Anfang 2012 bis Ende 2018) und zusätzlich ein Uranus-Quadrat auf diese Sonne im 8. Haus. Die Pluto-Opposition wird insgesamt fünf Mal exakt und zwar am:

  • 13.3.2014
  • 19.5.2014
  • 5.1.2015
  • 19.8.2015
  • 31.10.2015

Das verstärkt für dieses Volk den Eindruck, überall von Feinden umgeben zu sein und Vorsorge treffen zu müssen. Die Vorsorge, sieht, wie wir jetzt wissen, so aus, dass prophylaktisch die ganze Welt nahezu lückenlos überwacht wird, jedes Email gescannt, jedes Telefonat aufgezeichnet, jeder Brief fotografiert wird. Zur Paranoia passt es, dass dann genau der Mensch gnadenlos verfolgt wird, der diese Machenschaften aufdeckt. Ein psychologisch gesehen gesünder funktionierender Staat würde vermutlich die Medien und alle führenden Experten einladen und zur Diskussion stellen, ob das, was hier getan wurde, wirklich verhältnismäßig ist und ob es vielleicht bessere Lösungen gibt, um etwaige Bedrohungen abzuwenden.

Vielleicht könnte ein wirklich fair geführtes Verfahren gegen Edward Snowden mit einer sehr breiten öffentlichen Diskussion in den Medien und von Seiten der Politik dazu beitragen, Amerikas Rolle in der Welt grundsätzlich neu zu bewerten und Schattenseiten aufzudecken, die bisher unbewusst geblieben waren. Und ich wage die vorsichtige Einschätzung, dass dies zwar möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich ist…

Literatur

Paulitsch, Klaus (2004). Praxis der ICD 10 Diagnostik. Ein Leitfaden für PsychotherapeutInnen und PsychologInnen. facultas Verlag.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s