Annäherung an Chiron

Wir Endlichen mit dem unendlichen Geist sind nur zu Leiden und Freuden geboren, und beinahe könnte man sagen, die Ausgezeichnetsten erhalten durch Leiden Freude.
(Ludwig van Beethoven)

Bis zum späten 18. Jahrhundert kannte die Astrologie lediglich fünf Planeten sowie Sonne und Mond, anhand derer man ein Radix deutete. Inzwischen sind zahlreiche weitere Planeten, Planetoiden und Asteroiden dazu gekommen. Die Seite astro.com etwa listet inzwischen mehr als 17.000 Asteroiden auf, die in die Horoskopgrafik eingezeichnet werden können. Jeder, der sich auch nur ein wenig mit Astrologie beschäftigt hat, weiß wie komplex die Beziehungen (Aspekte) der einzelnen Horoskopfaktoren werden können, wenn man einen etwas größeren Orbis von beispielsweise mehr als 3 Grad verwendet. Daher liegt es auf der Hand, dass die Aussagekraft mit mehreren hundert Horoskopfaktoren, geschweige denn mit mehreren tausenden vollkommen beliebig würde. Abgesehen davon, dass kein Mensch mehr ein solches Horoskop deuten könnte.

Interessanterweise haben sich seit Ende des 20. Jahrhunderts vor allem zwei neue Faktoren stark etabliert. Es sind dies Lilith und Chiron. Während Lilith überhaupt kein Himmelskörper, sondern ein errechneter Punkt ist, nämlich der erdfernste Punkt der Mondumlaufbahn (vgl. Artikel „Lilith, kritisch betrachtet“), handelt es sich bei Chiron um einen Planetoiden bzw. auch einem Mittelding zwischen Komet und Planetoid. Beide Elemente bringen damit etwas komplett Neues in das Horoskop ein.

Chiron wurde 1977 von Charles Koval entdeckt. Seine Bahn ist stark elliptisch und bewegt sich zwischen der Saturn- und der Uranusbahn. Durch seine extrem exzentrische Bahn bewegt sich Chiron sehr schnell durch die Zeichen Jungfrau und Waage, wo er nur etwa eineinhalb bis zwei Jahre verweilt, während er sich in den gegenüberliegenden Zeichen Fische und Widder sieben bis acht Jahre aufhält.

Gegenwärtig befindet sich Chiron im Zeichen Fische und zwar während folgender Zeitperiode:

  • 20.4.2010 – 20.7.2010
  • 8.2.2011 – 17.4.2018 und
  • 25.9.2018 – 18.2.2019

Wegen seiner Rückläufigkeit bewegte er sich zwischen 20.7.2010 und 8.2.2011 noch einmal im Zeichen Wassermann, während er sich zwischen 17.4.2018 und 25.9.2018 bereits im Zeichen Widder aufhalten wird, von wo aus er dann noch einmal kurz in das Zeichen Fische zurück wechselt.

Chiron Mythos

Über den Chiron Mythos schrieb ich bereits an anderer Stelle, weshalb ich hier nur das Wichtigste kurz wiederholen möchte:

  • Chiron ist ein Kentaur (halb Pferd, halb Mensch)
  • Chiron ist der Sohn von Kronos (römisch: Saturn) und Philyra, also ein Halbgott
  • er gilt als heilkundiger Lehrer, Philosoph und Musiker
  • durch einen vergifteten Pfeil wird er versehentlich am Knie verletzt, kann als Halbgott jedoch nicht sterben
  • nach seiner Verletzung möchte Chiron nur noch sterben, weshalb er sich anbietet, den von Zeus bestraften und gequälten Prometheus zu erlösen

(Ausführlicheres zum Chiron-Mythos finden Sie im Artikel „Chiron in Fische“).

Chiron ist sowohl astronomisch (elliptische Bahn zwischen Saturn und Uranus) also auch astrologisch (keine rein menschliche Gestalt) ein Außenseiter. Obendrein ist er mythologisch ein Halbgott, also halb Mensch, halb Gott. Schon deshalb dürfte er symbolisch als Mittler in Frage kommen, als Mittler zwischen Tier und Mensch oder anders ausgedrückt zwischen unserem animalischen Teil und unserer Seele.

Vielleicht ist das tiefste Leiden des Chiron darin begründet, dass er diese beiden Teile in sich nicht zu vereinen weiß und vielleicht will er gerade auch deshalb sterben.

Betrachten wir den Zeitpunkt des Auftauchens dieses neuen Himmelskörpers, so fällt auf, dass er unter anderem mit einem zunehmend völlig entfesselten Kapitalismus zusammenfällt. Wenige Jahre nach Chirons Entdeckung brach der Kommunismus im Osten zusammen und viele Menschen hatten erwartet, dass dieses Schicksal in kurzer Folge auch dem Kapitalismus beschieden sein würde. Stattdessen erleben wir heute eine Zeitqualität, in der es überhaupt nur mehr um Geld zu gehen scheint. Kein tragisches Ereignis in dieser Welt, egal ob das eine große Naturkatastrophe ist oder der Ausbruch eines Krieges, kommt heute ohne die Kommentatoren und Experten der Wirtschaft aus, die uns haarklein darlegen, was dieses Ereignis jetzt für die Aktienkurse bedeutet. Dass vielleicht gerade 15.000 Menschen bei einem Erdbeben oder einer kriegerischen Auseinandersetzung zu Tode gekommen sind, scheint bereits nach wenigen Tagen überhaupt keine Rolle mehr zu spielen.

Auch die Wissenschaften, die mit der Physik des 20. Jahrhunderts (Quantenmechanik) eigentlich eines besseren belehrt sein sollten, ergehen sich in materialistischen Modellen des 19. Jahrhunderts. So etwas wie Seele gibt es ihrem Verständnis nach nicht.

Damit erleben wir gegenwärtig eine extreme Verzerrung und Einseitigkeit in Richtung Materie (Saturn), wohingegen der Geist (Uranus) komplett ausgeblendet wird. Noch bis vor wenigen Jahrhunderten war es genau umgekehrt. Die Seele war alles, die Materie hingegen, insbesondere jede Körperlichkeit galten als sündhaft, schlecht und als sicherer Weg in die Hölle.

Chiron scheint nun genau mit dieser Spannung zwischen Körperlichkeit, Materie oder unserer animalischen Natur einerseits und dem Geistigen, der Seele und dem Immateriellen/Unsterblichen in uns zu tun zu haben.

Chiron scheint daher im Radix den Punkt aufzuzeigen, wo wir uns selbst am meisten entfremdet sind und wo wir durch Selbsterforschung am meisten profitieren können. Möglicherweise ist Chiron auch ein Hinweis darauf, wo wir neue Wege finden und die Realität (Verbindung zu Saturn) unter einem gänzlich neuen Blickwinkel (Verbindung zu Uranus) betrachten müssen.

Und auch auf der weltpolitischen (mundanen) Ebene scheint mir ein solcher Paradigmenwechsel bzw. eine solche Integration zwischen Materialismus und Spiritualität mehr als Not zu tun. Ja, einige Philosophen, Psychologen und spirituellen Lehrer meinen sogar, dass wir kollektiv nicht überleben werden, wenn wir das nicht schaffen. Und in der Tat gibt es historisch sehr viele Beispiele von relativ rasch untergegangenen Zivilisationen. Wir wären hier keinesfalls die erste und wahrscheinlich auch nicht die letzte.

Persönliche Erfahrungen

Radixausschnitt Stefan Hofbauer

Abb. 1. Radixausschnitt Stefan Hofbauer

Mit Chirons Stellung in Widder, in meinem 2. Haus, war ich bei Chiron-Transiten und Auslösungen häufig mit Selbstwertthemen und Minderwertigkeitsgefühlen konfrontiert. Gleichzeitig ging aber auch nahezu jeder wichtige Chiron-Transit mit wichtigen Abschlüssen, bestandenen Prüfungen und entscheidenden beruflichen Etappen einher (Herrscher von 2 ist Neptun, der direkt am MC steht).

Nicht selten erlebte ich auch Perspektivenwechsel und Neubewertungen der Realität, so etwa wenn nach meiner Matura plötzlich mein Ehrgeiz erwachte, obwohl ich mich kurz zuvor noch als schlechten Schüler erlebt hatte.

Mit Chirons Trigon zu meinem Jupiter änderte sich meine Ausbildungslaufbahn sehr plötzlich. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt an der Pädagogischen Akademie und wollte Volksschullehrer werden. Innerhalb weniger Wochen wurde mir klar, dass ich in mir zwar eine Berufung zum Lehrer spürte, aber nicht mit Kindern arbeiten wollte, sondern mit erwachsenen Menschen.

Als Chiron mein MC erreicht hatte, beendete ich mein Studium der Psychologie, wusste nach Studienabschluss zunächst aber nicht, was ich beruflich machen wollte. Zwar hatte ich das langfristige Ziel, Psychotherapeut zu werden, längst für mich erkannt, aufgrund der enormen Kosten dieser Ausbildung, musste ich zunächst aber auf andere Weise mein Geld verdienen. Dies stürzte mich in eine monatelange, fast schon depressive Krise.

Unter einer, durch seine Rückläufigkeit bedingte, neuerlichen Konjunktion Chirons mit meinem MC, machte ich mich völlig überraschend und ungeplant als EDV-Trainer selbständig.

Die Konjunktion Chirons mit meiner Sonne fiel zusammen mit dem Abschluss des Propädeutikums, des 1. Teils meiner Psychotherapie-Ausbildung.

Eine Phase schwerster finanzieller und sozialer Belastung ging einher mit dem Übergang Plutos über meine Schütze-Sonne, aber auch mit einem Chiron-Quadrat auf meinen Radix-Pluto. Diese Periode war mit dem abnehmenden Quadrat Chirons auf den Radix-Chiron überwunden. Es wurden mir drei Jobs gleichzeitig angeboten, ich wechselte meine Wohnung und verlor durch das Kamptal Hochwasser mein geliebtes Klavier, das ich nur eine Woche später nach Wien zu bringen beabsichtigte. Erstaunlicherweise ließ ich mich von solchen Rückschlägen aber nicht entmutigen und verfolgte mein Ziel, Therapeut zu werden, mit großer Energie weiter.

Die Eintragung in die Therapeutenliste des Bundesministeriums erfolgte im Sommer 2008 unter einem Chiron Spiegelpunkt auf die Venus und einem Chiron Quadrat Jupiter. Nur wenige Wochen später kündigte ich meinen Job und arbeitete von da an nur mehr freiberuflich. Zu diesem Zeitpunkt hatte Chiron das Quadrat mit Saturn erreicht.

Wichtige Etappen auf meinem beruflichen Weg, Selbstwertkrisen und Neubewertungen von beruflichen und sozialen Realitäten sind die Hauptcharakteristika von Chiron-Aspekten und Auslösungen. Wobei nicht auszuschließen ist, dass manche dieser Erfahrungen auch auf andere Aspekte und Auslösungen zurückzuführen sind. Aufgrund der großen Zahl von astrologischen Faktoren ist hier eine Abgrenzung relativ schwierig.

Unter vielen Aspekten konnte ich auch die Kollision von Phantasie und Wirklichkeit erleben und oftmals ging ich aus den Transiten mit einem neuen Blick auf die Welt hervor.

Hinsichtlich der Auslösungen nach Döbereiner, von denen es insgesamt in meinem bisherigen Leben nur drei gab,  konnte ich übrigens nicht so eindeutig Ereignisse zuordnen. Meine Tagebucheintragungen entnehme ich aber, dass es in diesen Zeiten recht häufig um Selbstwertprobleme ging. Träume beschäftigten sich mitunter mit Schamgefühlen und der Aufforderung, mehr zu mir zu stehen, mich abzugrenzen und mir nicht alles gefallen zu lassen. Im Jänner 2011 (letzte Chiron-Auslösung) hörte ich vom plötzlichen Tod eines Bekannten, der nach einer Bandscheiben OP komplett gelähmt war und in Folge einer Komplikation starb.

Versuch einer Deutung Chirons

Das Wesentliche bei Chiron scheint mir seine Doppelnatur zu sein, die das tierische und menschliche in sich vereinigt.

Dort wo Chiron steht, ist es vielleicht ganz besonders unsere Aufgabe, über uns selbst hinauszuwachsen, in dem Sinn, dass wir unsere tierische Natur akzeptieren und unseren geistigen Aspekt integrieren. Wir sind ganz gewöhnlich, indem wir alle essen, trinken und schlafen müssen. Auf der biologischen und genetischen Ebene unterscheiden wir uns entweder gar nicht oder nur ganz minimal von sämtlichen Tieren dieses Planeten. Auf der anderen Seite sind wir höchst individuell, es gibt keine zwei gleichen Menschen auf diesem Planeten, wir sind fähig, über uns selbst hinauszuwachsen und in einem biologisch-animalischen Körper geistige und kreative Höchstleistungen zu vollbringen, wenn wir etwa an Leonardo Da Vinci, Mozart oder Goethe denken.

Und es gehört zum Menschsein, dass wir an dieser Doppelnatur des animalischen und des geistig/seelischen in uns leiden.

Auf der Mundanebene möchte uns die Entdeckung Chirons vielleicht dazu auffordern, dass wir Einseitigkeiten überwinden. Handeln wir nur materialistisch, zerstören wir diesen Planeten. Ein deutliches Zeichen dafür war das Untergehen der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko zeitgleich mit dem Eintritt Chirons in die Fische.

Orientieren wir uns aber nur am Geistigen und verleugnen den Körper, werden wir zu abgehobenen Spinnern oder religiösen Fanatikern, die aus religiösen Gründen morden. Beleg dafür scheint mir auch der intellektuelle Krieg zwischen Hardcore-Naturwissenschaftlern und Esoterikern zu sein, der, verfolgt man manche Internet-Foren, mit einer Brutalität geführt wird, die manchmal an die Inquisition erinnert. Vielleicht sollten sich beide Seiten in stilleren Momenten fragen, ob nicht auch die andere Seite ein wenig recht haben könnte…

Vielleicht symbolisiert Chiron aus diesem Grund sehr viel allgemeiner das Leiden des Menschen an seiner Tiernatur und das Bestreben diese Tiernatur ein für alle Mal zu überwinden. Ganzheitlich betrachtet wäre nicht eine Überwindung, sondern eine Integration, also eine Versöhnung unserer tierischen und seelischen (=göttlichen?) Natur, zielführender.

Vor dem Hintergrund der Doppelnatur des Menschen und Chirons, der diesen perfekt zu verkörpern scheint, sind Selbstentfremdungserlebnisse im Zusammenhang mit wichtigen Chiron-Transiten und -Auslösungen naheliegend und verständlich.

Petra Niehaus (2000) meint, es gehe beim Chiron-Mythos vor allem um das Thema Sterblichkeit, um Veränderungen auf dem Lebensweg, da die Umlaufbahn Chirons die Umlaufbahnen von Saturn und Uranus miteinander verbände. Dadurch entstehe in uns ein Konflikt zwischen Ungebundenheit, dem reinen Reich der Ideen (Uranus) und der Fixierung auf Ist-Zustände und Realitäten (Saturn).

Zusammenfassend geht es gemäß der Autorin um die Themen Sterblichkeit, Konfrontation mit dem Tod sowie um spirituelle Suche, der Akzeptanz unseres Todes, aber auch der Suche nach Auswegen aus der Sterblichkeit, indem wir uns der unsterblichen Seite des Geistes zuwenden.

Vermutlich versucht Chiron uns zu lehren, dass wir nur vermittels einer festen Verankerung in der Realität (im Fleisch) spirituell über uns selbst hinauszuwachsen vermögen. Er mag uns den Auftrag erteilen, die Spaltung zwischen Körper und Geist, zwischen Tiernatur und Menschlichkeit in ihrer höchsten Form zu überwinden. Wir sind eben beides, eine wilde Bestie (homo homini lupus est) und Wesen, die zu höchster Kreativität, Kunst und Poesie befähigt sind. Und nur beides macht das aus, was wir Menschlichkeit nennen. Der vergeistigte Mönch oder Philosoph ist ebenso eine halbe Sache wie der wilde Krieger, der sich nur seinen niedrigsten Instinkten hingibt.

Weitere Artikel über Chiron in diesem Blog

Chiron in Fische

Chiron, der Schamane

Literatur

Bachmann, Verena (2009). Die Chiron-Fibel. Brückenbauer zwischen Geist und Materie. Edition Astrodata.

Niehaus, Petra (2000). Chiron – Jenseits aller Deutungsakrobatik. Zeitschrift Meridian Nr. 6/2000.

3 thoughts on “Annäherung an Chiron

  1. Vielen Dank Stefan Hofbauer für Ihre wunderbaren Zusammenfassungen, Recherchen und immer anregenden Gedankengänge – ein berührender Hochgenuss! Lieben Gruß Bianka Dietrich

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