Chiron in Widder

Mehr oder weniger sind wir alle verführbar, den Mitmenschen zu quälen. Auch die sind es, die solches weit von sich weisen. Sie wissen nur nicht, was sie tun. (Alexander Mitscherlich)

„Geh hinaus, mache Erfahrungen, begegne den Menschen und bleibe nicht in deinen Vorstellungen!“ war ein Rat, den mir ein Freund vor 20 Jahren gegeben hat. Ich neigte damals dazu, der Protokollchef meines eigenen Lebens zu sein, jede noch so kleine Bewegung meiner Seele zu dokumentieren und so stundenlang Nabelschau zu halten. Ein Verhalten, das unter anderem viel mit meinem Merkur in 12 zu tun haben dürfte.

Blicke ich heute auf die Welt und insbesondere auf junge Menschen, so scheint mir, was ich tat, war harmlos im Vergleich zum heutigen Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Junge Menschen leben ihr Leben nicht mehr, sie fotografieren es und zwar bei jeder Gelegenheit und überall. „Ich auf dem Eiffelturm“, „ich mit meiner Schwester“, „ich beim Sport“ und sogar „ich beim Sex“, sind dann Bilder, die entstehen und massenhaft geteilt werden. Ziel ist, dass möglichst viele Freunde dieses Bild dann sekundenschnell „liken“. Die beliebtesten unter ihnen nennen sich dann in maßloser Selbstüberschätzung „Influencer“. In Wahrheit beeinflussen sie nichts. Sie sind ja noch nicht einmal in der Lage, ihr eigenes schwaches Selbstwertgefühl zu beeinflussen, für das ein „Like“ in den sozialen Medien oft nicht mehr sein dürfte als ein Heftpflaster auf einer tiefen Fleischwunde.

Kollektiv gesehen dürfte dieses Verhalten viel mit Neptun und Chiron in den Fischen zu tun haben, insofern man es als gravierenden Identitätsverlust und verzweifelte Suche nach Sinn und Bedeutung interpretiert. Auch das sich einsetzen für den schönen Schein, die Illusion von Bedeutung und das Festhängen in einem Wunderland voller Verheißungen dürften Entsprechungen eines unerlösten Fischeprinzips sein.

Vielleicht ahnen manche dieser jungen Leute auch, dass sie in einer Traumwelt leben, weil sie Bilder posten, die mit ihrer Lebenswirklichkeit wenig bis nichts zu tun haben. Wie viele haben tatsächlich Sport getrieben, wenn sie Selfies von sich beim Sport posten? Wie viele kaufen tatsächlich die Produkte, für die sie werben? Und wie viele Öko-/Vegan-/Bio-Apostel nehmen es privat mit ihrer Ernährung und ihrem Konsumverhalten wirklich so genau, wie sie in ihren Blogs vorgeben es zu tun?

Der sogenannte Influencer von heute ist in Wirklichkeit nur ein geschickt instrumentalisierter Werbeträger. Ja, in Wahrheit ist er von der Industrie gekauft und spielt persönlich nicht die geringste Rolle. Er ist ebenso austauschbar wie jedes Model einer Agentur, das sich einmal daneben benimmt und vom Kunden einfach ausgetauscht wird. Er ist eine Nummer und spielt mit seiner Persönlichkeit und sogenannten Authentizität oder Professionalität nicht die geringste Rolle.

Wir leben kollektiv in einer Blase, in einer Welt des schönen Scheins. Manch einem dürfte bewusst sein, dass er in den sozialen Medien bestenfalls Halbwahrheiten, also eigentlich Fake-News verbreitet, denn wer postet schon verpasste Chancen, erhaltene Körbe, berufliche Misserfolge oder unangenehme Krankheiten, Süchte oder neurotisches Verhalten? – Und diese Selektion erzeugt dann ein sehr verzerrtes Bild der Wirklichkeit.

Umgekehrt sind wahrscheinlich auch die sogenannten Hassposter einsame Wölfe, die aus dem Verborgenen nach Aufmerksamkeit gieren und zahlenmäßig dürften es insgesamt sehr wenige sein. Aber sie machen viel Lärm, während wahrscheinlich 70 bis 80% aller Menschen überhaupt keine politischen Kommentare ins Internet stellen und damit unsichtbar bleiben.

Politische Opportunisten haben längst ihre Chance gewittert (und wahrscheinlich auch getwittert), ihr Fähnchen nach dem Wind zu richten und die negative Stimmung zu nutzen und noch mehr Zwietracht, Missgunst und Neid zu säen. Wahrscheinlich ist ihnen durchaus bewusst, dass es sich dabei um einen faustischen Pakt handelt, den sie mit ihrer Seele bezahlt haben oder bezahlen werden. Was tut man nicht alles für die Macht, wenn auch nur kurz! Am Ende könnte es ihnen gehen wie dem Zauberlehrling: „die Geister, die ich rief, werde ich nun nicht los!“

Gute Politik sieht anders aus. Gute Politik hat eine Vision von einer besseren Gesellschaft, von mehr Glück für eine möglichst große Zahl von Menschen. Gute Politik spielt niemals Menschen gegeneinander aus! Gute Politik bleibt im Dialog, sucht das Gespräch wieder und wieder. Gute Politik strebt nach dem größtmöglichen Konsens und fährt nicht im Namen einer falsch verstandenen Demokratie über ganze Gruppen von Menschen einfach drüber. Aber so verstandene Politik wäre Ausdruck eines sehr bewusst gelebten und erwachsenen Fische-Prinzips. (Mehr über Chiron in Fische finden Sie in diesem Artikel: Chiron in Fische 2010 – 2019.)

Chirons Reise durch das Zeichen Fische ist beinahe zu Ende und die Wunden dieser Welt liegen bloss. So mancher möchte vielleicht klagen: „Ach, die Welt ist ein Jammertal!“ Auf der anderen Seite war es wohl auch gut, dass Chiron Hintergründe sichtbar machte, Verletzungen an die Oberfläche und in die öffentliche Diskussion spülte und sie so einer Veränderung zugänglich machte. Die Diagnose ist gestellt, jetzt gilt es zu handeln!

Chiron Ingress Widder

Chiron Ingress Widder

Abb. 1. Chiron Ingress Widder, 17.4.2018, 8:06 Uhr UT, ohne Häuser.

Chirons Reise durch den Tierkreis endet mit seinem neuerlichen Eintritt in das Tierkreiszeichen Widder. Zuletzt war Chiron am 1.4.1968 und nach seiner Rückläufigkeit endgültig am 30.1.1969 in den Widder eingetreten und vollendet nun seine Reise. Er befindet sich nun schon einige Zeit auf dem 30. Grad Fische und wird am 17.4.2018 erstmals in den Widder eintreten, den er dann am 26.9.2018 noch einmal rückläufig Richtung Fische verlässt, um am 18.2.2019 endgültig in den Widder einzutreten. 2026/27 wird er dieses Zeichen dann in Richtung Stier verlassen. Während seines Aufenthaltes im Widder bildet er 2023 auch eine Konjunktion mit Jupiter.

Chirons Eintritt in den Widder dürfte alles andere als lautlos vonstatten gehen. Immerhin befinden sich neben ihm auch noch der soeben direktläufig gewordene Merkur (15.4.) sowie die Sonne in Konjunktion mit Uranus im Tierkreiszeichen Widder. Außerdem steht der Dispositor Chirons, Mars, in Konjunktion mit Lilith und Pluto im Steinbock. Chiron bildet außerdem ein Quadrat mit Priapus im Krebs. Zudem befinden sich alle diese Konstellationen und eigentlich überhaupt fast alle Planeten gegenwärtig in kardinalen Zeichen. Eine sehr große Wut könnte sich hier urplötzlich entladen. Hat sie mit männlichem Fehlverhalten zu tun? Mit Machtmißbrauch? Mit dem Aufdecken geheimer Machenschaften? Mit sexuellen Übergriffen und Machoverhalten? Mit den zahlreichen Planeten im Steinbock ist auch ein neuerlicher Skandal im Vatikan denkbar. Überhaupt dürfte Mars heuer noch eine bedeutsame Rolle spielen, weil er wenige Monate nach Chirons Eintritt in den Widder rückläufig wird und daher den Tierkreisbereich 28°36′ bis 9°13′ Wassermann ungewöhnlich lange (12.5.2018 bis 8.10.2018) transitieren wird.

Chirons Aufenthalt in den Fischen begann 2010/11. Nach einem kurzen Aufenthalt in den Fischen von 20.4.2010 bis 20.7.2010 wanderte er rückläufig noch einmal in den Wassermann, um dann am 8.2.2011 endgültig in die Fische einzutreten. Zeitgleich mit Chirons erstem Eintritt in die Fische im Jahr 2010, explodierte die Ölplattform Deep Water Horizon, was dazu führte, dass viele Millionen Liter Öl ins Meer flossen. Ein Jahr später kam es nur etwa einen Monat nach Chirons neuerlichem Eintritt in den Widder am 11.3.2011 zu einem der schlimmsten Reaktorunfälle in der Geschichte der Menschheit in Fukushima, der sicherlich auch mit dem wenige Tage später stattfindenden Eintritt von Uranus in den Widder zu tun hatte. Gleichzeitig war 2011 auch das Jahr des arabischen Frühlings, in dem es kurzzeitig so aussah, als würden sich viele arabische Länder demokratisieren.

Mundanastrologisch dürfte Chiron mit unseren kollektiven Wunden zu tun haben, mit der Begrenztheit unserer Ressourcen, aber auch mit Schattenthemen und Außenseitern. So wird sich die Menschheit seit den 1970-er Jahren allmählich bewusst, dass die Ressourcen dieser Erde begrenzt sind (z.B. erste und zweite Ölkrise 1973 und 1979), dass unser Handeln Folgen hat (z.B. Tschernobyl, Umweltverschmutzung, Klimawandel) und dass es eines Bewusstseinswandels bedarf, um die Wunden unseres Planeten zu heilen.

Neben den konkret irdischen Phänomenen, beobachten wir seit den späten 1970-er Jahren auch eine zunehmende Renaissance alter Philosophien und östlicher Weisheiten. Viele Philosophen und spirituelle Lehrer (z.B. Ken Wilber, Dalai Lama, Osho) versuchten eine Integration östlicher und westlicher Lehren, weil sie der Meinung sind, dass wir nur so die Welt heilen oder wenigstens verbessern können. Sogar die Medizin versucht neuerdings schamanische Techniken zu integrieren, experimentiert mit der Wirkung von Meditation und Gebet oder stellt fest, dass Imaginationstechniken den Heilungsprozess zumindest fördern können (vgl. Faulstich, 2010).

Interessant ist auch, dass neben zahlreichen negativen Entwicklungen unserer Zeit auch ein Trend in Richtung mehr Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, mehr Energieeffizienz und gesunder Ernährung zu verzeichnen ist. Mit seinem Durchgang durch die Fische hat Chiron viele ungünstige Entwicklungen unserer Welt sichtbar gemacht, er zeigte uns die Hintergründe (Fische) und wir haben jetzt mit seinem Eintritt ins Widder-Zeichen die Möglichkeit, einige dieser Probleme aktiv anzugehen und zu überwinden.

Der Übertritt eines Himmelskörpers in das Widderzeichen ist immer ein besonders wichtiger Moment, denn mit dem Widder beginnt der Tierkreis. 0° Widder ist der Frühlingspunkt, hier wird ein Impuls gesetzt, der sich die nächsten 365 Grade des Tierkreises entfalten wird. Je nach Umlaufzeit der Planeten dauert das unterschiedlich lange. Die Sonne benötigt dafür genau ein Jahr, der Mond etwa 28 Tage und Pluto 248 Jahre. Chiron benötigt für einen kompletten Durchgang durch den Tierkreis fast genau 50 Jahre, weshalb im individuellen Horoskop der 50. Geburtstag auch von besonderer Wichtigkeit ist, er markiert die Chiron-Rückkehr. Idealerweise haben wir zu diesem Zeitpunkt die individuelle Chiron-Lektion, angezeigt durch Chirons Stellung in Haus und Zeichen unseres Radix, gelernt.

Individuell erleben alle Menschen, die mit Chiron im Widder geboren wurden (Jahrgänge 1968 bis 1977) in den kommenden Jahren ihre Chiron-Rückkehr, was eine Chance bedeutet, die eigene tiefste Wunde zu heilen und mit den chironischen Minderwertigkeiten und Schmerzen mit sehr viel mehr Bewusstheit umzugehen als bisher.

Daten zu Chiron in den Zeichen Fische bis Stier

  • 20.4.2010 – 20.7.2010 (Fische)
  • 20.7.2010 – 8.2.2011 (Wassermann)
  • 8.2.2011 – 17.4.2018 (Fische)
  • 17.4.2018 – 25.9.2018 (Widder)
  • 25.9.2018 – 18.2.2019 (Fische)
  • 18.2.2019 – 19.6.2016 (Widder)
  • 19.6.2026 – 18.9.2026 (Stier)
  • 18.9.2026 – 14.4.2027 (Widder)
  • 14.4.2027 – 19.7.2033 (Stier)

Der endgültige Eintritt Chirons in den Widder erfolgt am 18.2.2019, der endgültige Austritt in Richtung Stier am 14.4.2027. Die Übergangszeiten und kurzfristigen Aufenthalte in den Zeichen erklären sich aus Chirons regelmäßiger Rückläufigkeit. 2018 wird Chiron von 5. Juli bis 9. Dezember rückläufig sein. Er bewegt sich dann von 2°25′ Widder noch einmal zurück auf 27°54′ Fische.

Unterschiede zwischen Chiron und Saturn

Während wir es bei Saturn ursächlich mit Schuld und angeborener Schwäche zu tun haben, geht es bei Chiron eher um eine unverschuldete Wunde oder Verletzung. Saturns Schwächen überwinden wir durch Arbeit und Perfektionierung des Persönlichkeitsanteils, der von Saturn nach Haus und Zeichen angezeigt wird. Bei Chiron ist keine äußere Aktivität möglich oder sinnvoll, sondern eher Stille und ein nach innen gehen. Eine Auslösung Chirons entspricht hier am ehesten der Tarot-Karte 12, dem Gehängten. Als Lösung und Ergebnis erreichen wir bei Saturn Kontrolle und Meisterschaft, bei Chiron hingegen Demut und mehr Bewusstheit.

Chiron und der schamanische Weg

Sehr deutliche Parallelen gibt es zwischen dem Chiron-Mythos und dem sogenannten schamanischen Weg.

Chiron und schamanischer Weg

Abb. 2. Chiron und schamanischer Weg.

Oft beginnt der schamanische Weg sich bereits bei der Geburt anzukündigen, zum Beispiel durch ungewöhnliche Umstände (z.B.: außergewöhnliches Wetterereignis, Erdbeben) oder durch Besonderheiten am Körper (z.B.: speziell geformte Muttermale, Mißbildungen). Das deckt sich weitgehend mit dem Chiron-Mythos, der als Mischwesen aus Pferd und Mensch geboren wird und wegen seiner Hässlichkeit von seiner Mutter verstoßen wird.

Beim schamanischen Weg kommt es typischerweise zu einer schweren gesundheitlichen Krise (z.B.: Infektion, Unfall, Psychose), bei der der Schamanen-Aspirant beinahe stirbt. Im Chiron-Mythos finden wir das durch die Verletzung mit dem vergifteten Pfeil des Herakles wieder. Auch Chiron würde von dieser Wunde sterben, wäre er nicht halb göttlich (sein Vater ist Kronos). So aber kann er nicht sterben und leidet unerträgliche Qualen. Er möchte nur mehr sterben, zieht sich in eine Höhle zurück und versucht sein Leiden zu lindern. Seine Weisheit aber ist ein Segen für alle, die ihn um Hilfe bitten.

In das Leben eines Schamanen tritt typischerweise ein älterer, erfahrender Schamane, der den Neuling initiiert und ihm sein Wissen vermittelt. Möglicherweise könnten wir hier eine Parallele zu Herakles finden, der von Prometheus erzählt, wie er von Zeus gequält wird. Der gleiche Herakles, der Chiron verletze, bringt ihm damit auch die Erlösung, denn Chiron setzt sich für Prometheus ein und geht an seiner statt in den Hades. Einige Astrologen haben deshalb auch darüber spekuliert, ob Chiron etwas mit dem homöopathischen Simile-Prinzip zu tun hätte. Das- oder derjenige, der die Wunde verursacht hat, heilt sie auch.

Der Schamane reist zwischen Oberwelt und Unterwelt, um dort von verschiedenen Schutzgeistern, Ahnen und tierischen Verbündeten unterstützt zu werden. Auch Chiron reist in die Unterwelt, um Prometheus zu helfen. Nach drei Tagen wird er jedoch von Zeus erlöst, weil er für die Vergehen des Prometheus nichts kann und Zeus belohnt ihn, indem er ihn als Sternbild des Schützen an den Himmel setzt.

Mythologische Parallelen zum Chiron-Mythos

Die mythologischen Parallelen zu Hiob im Alten Testament, zu Jesus, zu Hephaistos und zum Osiris-Mythos sind nicht zu übersehen. Auch bei Hiob geht es um unverschuldetes Leiden, das letztendlich auf eine Wette zwischen Gott und Satan zurückzuführen ist. Doch Hiob bleibt trotz aller Widrigkeiten am Pfad der Tugend und wird zuletzt erlöst.

Auch Jesus steht als Vermittler zwischen Himmel und Erde, leidet unverschuldet und erlöst nach christlichem Glauben die ganze Welt von ihren Sünden. Auch die drei Tage spielen hier, ebenso wie bei Chiron, eine Rolle, indem Jesus nach drei Tagen von den Toten aufersteht.

Die Parallele bei Hephaistos ist dagegen schwach, immerhin wird auch er wegen seiner Hässlichkeit verstoßen und bekommt dennoch die schönste aller Göttinnen, Aphrodite, zu Frau. Osiris, ein ägyptischer König, wurde von seinem Bruder ermordet und schließlich sogar zerstückelt. Dank der Zauberkunst seiner Geliebten Isis, wurde er dennoch wieder zum Leben erweckt.

Leider bin ich kein Historiker, aber es ist unübersehbar, dass Geschichten über unverschuldetes Leiden und sogar Tod und schließliche Wiedererweckung in den Jahrhunderten vor Christus bereits recht verbreitet waren. Es dürfte dies eine Thematik sein, die die Menschheit schon immer bewegt hat. Noch heute hören wir manchmal, wenn jemand sehr schwer leidet, den Satz: „Aber er ist doch ein guter Mensch, das hat er sich wirklich nicht verdient.“

Der Chiron-Mythos ist vielleicht einer von vielen, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Es gibt im Leben eines Menschen offenbar Umstände, Erkrankungen und Schicksalsschläge, die wir mit menschlichen Maßstäben nicht begreifen können und Leid, das uns unverschuldet und unbegreiflich erscheint. Wir müssen an dieser Stelle anerkennen, dass wir nicht alles verstehen können. Und vielleicht ist das ein erfrischendes Gegengewicht in einer Welt, die nur noch rational und leistungsorientiert ist und sich einbildet, alles kontrollieren zu können.

Wenn ein neuer Himmelskörper entdeckt wird, ist das meist ein Zeichen dafür, dass hier eine neue Erkenntnis, ein neues Element ins kollektive Bewusstsein treten will. Das gilt wohl umso mehr, wenn sich dieser Himmelskörper unter tausenden und abertausenden Objekten, Kleinplaneten und Asteroiden insofern durchsetzt, als nahezu alle Astrologen ihn in ihre Horoskope einzeichnen, was ja für viele andere Himmelsobjekte nicht gilt. Das Prinzip für das er steht, dürfte offenbar von kollektiver Bedeutung sein und es ist jetzt an der Zeit, dass die Menschheit sich damit auseinandersetzt. Aber wofür steht Chiron eigentlich?

Chirons Bedeutung?

Ich muss nach jahrelanger Beschäftigung mit Chiron eingestehen, dass kein anderer Himmelskörper mir so schwer fassbar scheint, wie Chiron. Beinahe will es mir scheinen, dass sich seine Bedeutung mir jedesmal wieder entzieht, sobald ich eine Ahnung zu haben glaube von dem wofür er steht. Chiron ist ein rätselhafter Himmelskörper und manche Astronomen glauben sogar, er halte sich nur vorübergehend in unserem Sonnensystem auf.

Einige Anhaltspunkte sollen seine Bedeutung ein wenig eingrenzen:

  • Abspaltung und Triebintegration als Aufgabe – Ganzheit
  • nicht heilende Wunde lehrt Demut und führt zur Reifung
  • Chiron könnte das Leiden am Inkarniertsein selbst repräsentieren
  • Konfrontation mit Vergänglichkeit, Tod und Todessehnsucht
  • Spannung Sterblichkeit/Unsterblichkeit
  • Chiron als Türöffner zur Heil(ig)ung
  • Chirons Position im individuellen Horoskop mag für besondere Unbewusstheit stehen, vielleicht auch für intensive Überkompensation

In meiner eigenen Erfahrung habe ich bei wichtigen Chiron-Transiten immer wieder Prüfungen erfolgreich bestanden, Einsamkeit erlebt und nach längerem qualvollen Suchen oft einen ganz neuen Blick auf mein Leben gewonnen.

Chiron in Widder (2018/19 – 2026/27)

Chirons Reise durch das Fische-Zeichen die letzten 7 Jahre konfrontierte uns mit dem Leiden an der Welt, an den Hintergründen, an Umweltverschmutzung und globalen Versäumnissen. Wir wurden sehr stark damit konfrontiert, was alles nicht stimmt in dieser Welt. Begriffe wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Umweltverträglichkeit, Zero Emission Fabrik, Ausstieg aus der Atomenergie, grüne Wende der Energiepolitik machten die Runde. Das Klimaschutzabkommen von Paris 2015 gilt hier als Meilenstein, auch wenn Kritiker meinen, es ginge noch nicht weit genug.

Mit Chirons Eintritt in den Widder hören diese Themen auf theoretische zu sein. Jetzt wird die Bereitschaft, Missstände anzuprangern stark steigen. Der Kampf für eine tolerantere, gerechtere und friedlichere Welt tritt jetzt in den Vordergrund. Falls wir versuchen wollten, die einzelnen Abschnitte des Chiron-Mythos in seiner Reise durch den Tierkreis wiederzufinden, so können wir uns vielleicht vorstellen, dass Chiron sich einige Jahre in Selbstmitleid erging und feststellte, was alles nicht gut läuft und welche Lösungen sicher nicht funktionieren können (Chiron in Fische), jetzt aber tritt er vor seine Höhle und versucht mit Nachdruck und einer gewissen Aggressivität Lösungen zu finden. Er wird jetzt aktiv, impulsiv, energisch (Chiron in Widder).

Historische Parallelen sind die 1968-er Bewegung, jene Zeit als Chiron letztmalig durch Widder lief. Auch damals begannen die Menschen sich energisch für mehr ökologisches Bewusstsein, mehr Demokratie, für Bürgerrechte, gegen Rassendiskriminierung und für Frauenrechte einzusetzen. Vieles was damals als utopisch galt, ist heute umgesetzt und selbstverständlich, auch wenn es da und dort Rückschläge gab.

Extremistische und terroristische Akte sind mit Chiron in Widder nicht auszuschließen. Fast zeitgleich mit dem letzten Eintritt von Chiron in Widder (1.4.1968) wurde Martin Luther King ermordet (4.4.1968). Chiron in Widder ist auch ein Aspekt, der mit verdrängter Wut zu tun hat, mit altem, aufgestautem Ärger. Tiefe Verletzungen, Scham, Trauer, Minderwertigkeitsgefühle und viel Wut kommen jetzt an die Oberfläche und entladen sich mitunter auch in Gewaltakten.

Die schamanische Arbeit hier wäre, diese Wut und die alten Verletzungen zu transformieren und in Kraft zu verwandeln. Auf der persönlichen Ebene lernen wir jetzt am meisten, wenn wir unsere Wut und unseren Ärger anerkennen und so gut es geht auch zum Ausdruck bringen. Und ich möchte hier mit Nachdruck darauf hinweisen, dass nur lange unterdrückte Wut schließlich destruktiv wird, wohingegen es viele sozial verträgliche Möglichkeiten gibt, Ärger zum Ausdruck zu bringen (z.B.: verbal ausgetragener Konflikt, Sport, künstlerischer Ausdruck, Kampfsport, Schauspiel, Holzhacken…).

Chiron in Widder in unserem Radix symbolisiert oft auch ein Minderwertigkeitsgefühl in Bezug auf Spontaneität und Durchsetzung, sodass wir glauben, andere könnten das viel besser als wir. Es mag auch mit einem Neid auf die Jugend zu tun haben, der Archetyp Widder verkörpert ja den jugendlichen Helden und Kämpfer. Wir selbst dagegen nehmen uns bei dieser Chiron-Stellung als schwach und alt wahr. Vielleicht steht Chiron an der Stelle auch für eine besondere Unbewusstheit in Bezug auf eigene Aggression, Durchsetzungsfähigkeit, Jugendlichkeit, Spontaneität und Kraft.

Die Konfrontation mit Aggression, Gewalt und Impulsivität zwingt uns, in diesem Bereich ein neues Bewusstsein zu entwickeln, neue Formen der Konfliktlösung und der Durchsetzung unserer Interessen zu finden. Unzufriedene, Ausgegrenzte, Leidende und Außenseiter werden sich jetzt lautstark zu Wort melden. In den 1970-er Jahren, beim letzten Durchgang Chirons durch den Widder, gab es beispielsweise sehr viel mehr Terroranschläge als in unserer Zeit (vgl. Terror in Europa), wobei das großteils Terror von Separatisten und linksextremen Gruppen war. Die jüngsten Terroranschläge in Frankreich, Spanien, Großbritannien und Deutschland wurden dagegen häufig von religiösen Fanatikern oder psychisch labilen Menschen verübt (Chiron in den Fischen).

Im Zuge der 1968-er Bewegung nahm auch die sexuelle Revolution Fahrt auf. Prüderie und Verklemmtheit wurden zunehmend abgelehnt und junge Menschen begannen mit Sexualität zu experimentieren, neues auszuprobieren, auch ganz unabhängig von Beziehung und Partnerschaft (ein Waage-Thema). Hier verzeichnen wir wohl gesellschaftlich die größten Veränderungen. Galt in den 1950-er Jahren noch alles als Unzucht, was nicht innerhalb der Ehe und zum Zwecke der Fortpflanzung stattfand, so gilt heute im Bereich Sexualität alles als erlaubt, womit beide Partner einverstanden sind. Mit Chiron in Widder könnten vielleicht auch sexuelle Funktionsstörungen, Libidoverlust und Sexsucht sowie Pornosucht in den Fokus des Interesses rücken. Gleichzeitig könnten wir eine weitere Zunahme bei Depressionen (unterdrückte/ungelebte Aggression) erleben, die neue therapeutische Ansätze erfodern.

Chiron in Widder eröffnet uns die Möglichkeit, dem angeschlagenen Kämpfer in uns zu begegnen und neue Formen der Durchsetzung zu finden. Kollektiv könnte es nützlich sein zu erkennen, dass Gewalt und Terror nicht immer nur mit Bosheit, sondern oft auch mit tiefer Verzweiflung zu tun haben. Es sollte daher im gesellschaftlichen Interesse sein, Menschen Möglichkeiten zu geben sich Ausdruck zu verschaffen und ihren Ärger konstruktiv zu äußern. Nicht zuletzt wäre das auch im Interesse des sozialen Friedens.

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Chiron der Schamane

Annäherung an Chiron

Chiron Opposition Jupiter

Persönliche Beratung

Astrologische Beratung Stefan HofbauerFalls Sie wissen möchten, wo Chiron in Ihrem Horoskop steht und welche Bedeutung er für Sie hat, könnte eine persönliche Beratung hilfreich sein. Eine astrologische Beratung ist in vielen Lebenssituationen hilfreich, insbesondere dann, wenn Sie sich in einer Phase der Neuorientierung befinden oder wenn Sie das Gefühl haben, mehr aus Ihrem Potenzial machen zu können. Für eine individuelle Beratung bereite ich mich ausgiebig vor und beantworte, so gut es mir möglich ist, alle Fragen Ihres konkreten Anliegens. Weitere Informationen zu Ablauf und Kosten einer Beratung finden Sie hier.

Bildnachweis

Die Bilder stammen von pixabay.com, die Astro-Grafiken wurden mit der Software Sarastro erstellt.

Literatur

Faulstich Joachim (2010). Das Geheimnis der Heilung: Wie altes Wissen die Medizin verändert.

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