Schlechte Astrologie

schlechte, unseriöse Astrologie

Astrologen-Kauderwelsch, unseriöse AstrologieDie Astrologie kann ein sehr nützliches Werkzeug der Selbsterkenntnis sein und unsere persönliche Weiterentwicklung fördern. Die Betonung liegt hier aber auf dem Wort „kann“, denn die Astrologie wird häufig auch als Ausrede für persönliche Defizite missbraucht. Manche Astrologen machen sich vollkommen abhängig von astrologischen Konstellationen oder „vergewaltigen“ die Astrologie als eine Art Geheimsprache, um besonders gebildet oder wissend zu wirken. Der nachfolgende Artikel ist von Tracy Marks Buch „Astrologie der Selbst-Entdeckung“ (Kapitel 9) inspiriert und greift einige ihrer Gedanken auf.

Der Artikel soll auch ein Beitrag zur Orientierung sowohl für angehende beratende Astrologen als auch für potenzielle Astrologie-Klienten sein, um schlechte Astrologie zu erkennen und auf die nützlichen und hilfreichen Aspekte dieser großen Kunst fokussiert zu bleiben. Vergessen wir nicht, es könnte alles Blödsinn sein, was Astrologen behaupten und sehr viele Behauptungen von Astrologen sind das wahrscheinlich auch. Und dabei schließe ich mich selbst nicht aus!

Astrologische Betriebsblindheit

Es verhält sich in der Astrologie genauso wie in anderen Wissensbereichen auch. Von wahrer Klugheit zeugt, wer komplizierteste Sachverhalte so erklären kann, dass sie auch für Laien verständlich sind. Je mehr Fach-Termini jemand gebraucht, desto wahrscheinlicher ist, dass er von dem betreffenden Wissensgebiet recht wenig verstanden hat.

„Ja, weißt du, mein Pluto! Bei diesem Thema kann ich halt nicht anders. Und ich habe den Mond in der Jungfrau, mit AC im Steinbock…“, wäre so ein typisches Astrologen-Kauderwelsch, das bei genauer Betrachtung überhaupt nichts aussagt, gleichzeitig verhindern möchte, dass der Sprechende, irgendetwas Wesentliches über sich verrät oder sich selbst näher mit seinem Inneren beschäftigen muss. Derartige Äußerungen bringen Menschen einander auch nicht näher, sondern sie stehen wie ein Fremdkörper zwischen ihnen. 

Menschen neigen im Allgemeinen dazu, auf ihr Wissensgebiet fokussiert zu sein. So erkennen wir häufig beim Heurigen (Buschenschank) sofort den typischen Lehrer, Arzt oder Psychotherapeuten. Der Tischler wird alles immer aus der Perspektive des Holzes betrachten und der Kundenbetreuer einer Bank wird uns ständig erklären, was sich alles nicht ausgeht und wer alles nicht rechnen könne. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, weil unsere Berufe einen Teil unserer Identität ausmachen. Die Fähigkeit, sich hin und wieder gänzlich von seinem Beruf zu distanzieren und sich die Frage zu stellen, wer bin ich eigentlich jenseits dieses Berufs, kann allerdings höchst aufschlussreich und bewusstseinserweiternd sein. Wer bin ich, wenn ich nicht Wissenschaftler bin? Wer bin ich, wenn ich nicht Psychotherapeut bin? Und eben auch, wer bin ich, wenn ich nicht Astrologe bin? 

Hören wir uns doch die Fragen derer an, die von unserem Wissensgebiet keine Ahnung haben! Sie helfen uns, unseren Horizont zu erweitern und unsere eigene Perspektive und möglicherweise Voreingenommenheit auch einmal zu hinterfragen.

Buchwissen und Erfahrungswissen

Gerade Astrologen neigen ein wenig dazu, sich zu sehr mit ihrer Kunst zu identifizieren, überhaupt nicht mehr ohne einen Blick in die Ephemeriden aus dem Haus zu gehen und sogar Entscheidungen von Planetenkonstellationen abhängig zu machen. Ein recht eindrückliches Beispiel dafür ist das astrologische Ammenmärchen vom rückläufigen Merkur, der in seiner „gar schrecklichen“ Bedeutung aufgebläht wird, während die Rückläufigkeit fast aller anderen Planeten kaum Beachtung findet. Ja, wenn irgendwann unser Mond rückläufig würde, das wäre etwas wirklich Großes 😉

Solange jemand noch Buchwissen widergibt und keine eigene Erfahrung mit den Archetypen gemacht hat, kann er nicht wirklich Astrologe genannt werden. Der Streit unter Astrologen, beispielsweise auch in Internet-Foren, hat oft etwas sehr Amüsantes, auch wenn die Beteiligten, das, was sie schreiben, todernst meinen.
„Mars bedeutet Aggression“, „Nein, Mars hat in erster Linie mit Durchsetzung zu tun. Die Aggression ist da nur das letzte Mittel“, „Ach was, ihr liegt alle falsch. Mars ist der Ausführende der Sonne, er repräsentiert unsere Tatkraft.“
Alle Aussagen enthalten sicher ein Körnchen Wahrheit, aber es wird deutlich, dass die Schreibenden Buchwissen widergeben und mit ihrer Klugheit angeben wollen. Und in einer Beratung wären derartige Aussagen ohnehin vollkommen fehl am Platz. Dort ist es hilfreicher, diagnostische Fragen zu stellen wie etwa: Wie erleben Sie Ihre Motivation und Ihre Tatkraft? Wie gehen Sie Dinge an? Wie reagieren Sie, wenn Sie verbal oder körperlich attackiert werden? Wofür setzen Sie sich ein? – Dann erst erfahren wir, wie der Klient selbst seine Mars-Kraft erlebt.

Die astrologische Neurose

Sehr neurotisch finde ich auch das Verhalten mancher Astrologen, wenn sie neue Menschen kennenlernen. Dann wird sofort nach den Geburtsdaten gefragt und ein Horoskop berechnet. Neuerdings sogar direkt vor Ort auf der Handy-App. Und genau in diesem Moment ist dann der Kontakt mit dem realen Menschen abgebrochen. Stattdessen erklären wir der neuen Bekanntschaft, wie sie ist, anstatt uns auf sie wirklich einzulassen.

Aber das mag eine Kritik sein, die weit über die Astrologen-Szene hinausgeht und fast unsere gesamte Gesellschaft betrifft. Wir haben mittlerweile verlernt, mit unseren eigenen Augen zu schauen, mit unseren eigenen Ohren zu hören, zu riechen, zu schmecken, zu tasten. Wir verlassen uns auf das widergekäute Wissen der Medien. Wir nehmen schon Überschriften auf Facebook zum Anlass, um uns zu empören, ohne überhaupt den betreffenden Artikel gelesen zu haben. Wir hören nicht mehr hin und wir schauen nicht mehr hin. Wir verlassen uns nicht mehr auf unsere eigenen Sinne, sondern glauben sogenannten Experten nur deshalb, weil sie eben diese Experten sind. „Ja, wenn der XY das sagt, dann muss es stimmen!“ Und der eine oder andere Politiker lacht sich ins Fäustchen, weil wir alle so leicht zu manipulieren sind.

Früher mal mag es in useren Breiten üblich gewesen sein, mit dem Wort Gottes zu argumentieren. „Wir foltern dich, weil Gott es so will“, „Wir müssen Krieg führen gegen die bösen Heiden“. Diese Zeiten sind zwar vorbei, aber die Argumentation hat sich nur marginal verändert. Heute kann man den allergrößten Unsinn behaupten, wenn man nur hinzufügt: „Das ist wissenschaftlich erwiesen“ oder „Studien haben gezeigt“. Und seit kurzem wissen wir, dass auch nicht alles Wissenschaft ist, wo Wissenschaft drauf steht. Es gibt, für Laien oft nicht erkennbar, eine riesige Industrie mit Fake-Journalen, in denen man gegen Geld jeden erdenklichen Unsinn publizieren kann, ohne dass das irgendjemand überprüft (vgl. Raubverleger unterwandern Forschung).

Astrologie ist eine sehr machtvolle Kunst, die unser Leben enorm bereichern und vertiefen kann, die uns Selbsterkenntnis bringen kann und Verständnis in einer Tiefe, wie das sonst oft nur eine jahrelange Psychotherapie vermag. Aber Astrologie ist auch eine gefährliche Kunst, die leicht missbraucht werden kann. Wir müssen, um von der Astrologie zu profitieren, sehr fest in uns verankert sein, sehr stabil sein und eine hohe Integration unserer Persönlichkeit erreicht haben. Ansonsten verkommt sie zu einem Rumpfuschen mit großen Worten oder einem „Stümpern in den Sphären der Götter“ (zit. nach Tracy Marks).

Gefahr, den Kontakt zu uns selbst zu verlieren

Je mehr wir uns mit abstrakten Symbolen und Begriffen beschäftigen, desto mehr drohen wir den Kontakt zu uns selbst und zur Welt zu verlieren. Wir kommen dann weniger mit unserem Körper und unseren Gefühlen in Kontakt, sondern nur noch mit unserem Verstand, der prall voll ist mit neuen Begrifflichkeiten wie Pluto, Saturn, Auslösung, Transit, Transformation, Progression, karmischer Neumond und dergleichen mehr. Diese neue Sprache kann faszinieren, das gebe ich zu, aber sie darf kein Ersatz für die tiefe, ernsthafte und sinnliche Erfahrung mit unseren Gefühlen und unserem Körper sein. Der gute Astrologe ist dann auch der, der über die inneren Kräfte, die er wahrnimmt meditiert und darin archetypische Kräfte erkennt und nicht der, der zuerst (!) ins Horoskop schaut, um sich dann selbst zu erklären, wie er tickt und was nun wohl geschehen würde.

Astrologische Plattitüden und Voreingenommenheiten

Es gibt so viele dumme Plattitüden unter Astrologen, die alle unhinterfragt weitererzählt werden, so etwa die vom „unberechenbaren“ Uranus. Bei dem wisse man nämlich nie, was wirklich geschehen würde. Ich frage mich dann immer, ob das bedeuten soll, dass man bei allen anderen Planeten ganz genau wüsste, was in der Zukunft geschehen würde. Nein, selbstverständlich wissen wir das auch bei allen anderen Planeten nicht. Wir können anhand eines Transits oder einer Auslösung niemals voraussagen, was konkret passieren wird, nämlich bei keinem Planeten. Wir können Themen angeben und gewissermaßen ein Wetterszenario für diesen Saturn- oder jenen Uranustransit entwerfen. Was im Leben des Menschen aber konkret passieren wird, wissen wir nicht. In diesem Sinne ist jeder Planet gleich berechen- oder unberechenbar.

Ein anderes Beispiel: In einem Kurs wurde ich mal gefragt, wofür man denn für eine astrologische Berufsberatung Persönlichkeitstests benötigen würde, es stünde ja ohnehin alles im Horoskop. Das kommt mir ein wenig so vor wie die Argumentation eines Theologen in der beginnenden Neuzeit: „Wir brauchen keine Wissenschaft, es steht ja ohnehin alles in der Heiligen Schrift!“ In dem Moment, in dem ich anfange, mein Wissensgebiet für das alleinseligmachende zu halten, bin ich zum Dogmatiker und Fundamentalisten geworden. Deshalb ist es auch für Astrologen ratsam, genau hinzuhören, wenn Skeptiker über Astrologen reden, denn mancher Vorwurf hat durchaus seine Berechtigung.

Aber wir sind in der Astrologie ja sogar so ignorant, Forschungsergebnisse, die die Astrologie bestätigen, zu ignorieren. Zwar gilt die Gauquelin-Studie mittlerweile als methodisch lupenrein und wissenschaftlich belastbar, dass sie aber Ergebnisse brachte, die einigen astrologischen Grundannahmen widersprechen, ignorieren wir einfach (vgl. AstroWiki, Michel Gauquelin). Kein Astrologe hatte vor den Gauquelins jemals behauptet, dass ein Mars Ende des 9. Hauses oder Ende des 12. Hauses zum Spitzensportler prädestiniere. Ganz im Gegenteil! Eine derartige Mars-Stellung galt als besonders schwach und ungünstig. Aber wir tun trotzdem weiterhin so, als würde alles, was in den astrologischen Lehrbüchern steht, stimmen. Eigentlich sollte uns die Gauquelin-Studie dazu veranlassen, so gut wie alle Grundannahmen der Astrologie zu hinterfragen. Eine Behauptung wird ja nicht dadurch richtiger, indem sie tausendfach wiederholt wird. Allerdings entfaltet eine so häufig wiederholte Behauptung eine gewisse hypnotische Kraft. Und jetzt sehen Sie mir tief in die Augen und wiederholen 100 Mal den Satz: „Rückläufiger Merkur ist ganz böse!“ 😉

Gefahr, an unseren Bildern festzuhalten

Mit der oben angesprochenen Identität ist das so eine Sache. Wir formen unsere Identität eigentlich ausschließlich aus Sätzen und Bildern von anderen. Jemand gab uns nach jahrelanger Anstrengung einen Doktortitel und jetzt halten wir uns für einen Doktor. Jemand sagte, dass wir überdurchschnittlich groß seien und jetzt halten wir uns für groß. Wir halten uns für Frisöre, Tischler, Psychologen, Lehrer, Ärzte…

Aber ist es das, was uns wirklich ausmacht? Alle Vorstellungen, die wir von uns haben, beziehen sich letztendlich auf unser Ego. Und wie falsch das sein kann, erleben manche Menschen beispielsweise im Pensionsschock, dem Moment, wo sie plötzlich keine Macht mehr haben, wo sie nicht täglich mit „Herr Hofrat“, „Frau Doktor“, etc. angesprochen werden. Wer sind sie dann? Und nicht zuletzt deshalb gehört es auch in der Psychotherapie zur schwersten Frage überhaupt, den Klienten zu fragen: „Wer sind Sie?“ Wenn dann Namens- und Berufsbezeichnungen sowie Beschreibungen von körperlichen Merkmalen als Antwort nicht erlaubt werden, verstummen praktisch alle Menschen. Sie haben schlicht und ergreifend noch nie darüber nachgedacht. Genau diese Frage wäre aber für einen spirituell Suchenden die wesentlichste, denn sie dringt zum Kern, zu unserer Essenz, zu unserem Selbst vor. Alles andere ist nur Oberfläche.

„Ich brauche Freiheit in Beziehungen, weil mein Uranus im 8. Haus steht“, ist so eine oberflächliche Aussage, die mir von außen vorgibt, wer ich angeblich bin. Manche neigen dann dazu, das einfach zu glauben und fast schon dogmatisch zu erwarten, dass ihr Partner das versteht und Rücksicht darauf nimmt. Die Astrologie zunächst beiseite zu lassen, Erfahrungen mit Beziehungen zu machen und immer wieder neue Begegnungen zuzulassen, zu spüren, nach innen zu horchen und einfach hinzuhören, was unsere Seele braucht, wäre ein anderer, weit besserer Weg, der zu einem vertieften Verständnis unseres Selbst führen kann, während die Argumentation mit Planetenkonstellationen nur von uns weg führt und auch in die Distanz zu unserem Gegenüber.

Die Pseudosicherheit der Astrologie

Wir leben in einer unsicheren Welt und können jederzeit sterben. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit, von wilden Tieren zerrissen zu werden oder im Kriegsgemetzel umzukommen in Mitteleuropa verschwindend gering und wahrscheinlich ist die Welt in den letzten Jahrhunderten insgesamt sehr viel sicherer geworden. Aber es gibt auch andere Unsicherheiten. Wir können unseren Arbeitsplatz verlieren, unser Partner kann sich scheiden lassen oder wir erhalten eine ernstzunehmende Diagnose, haben einen Herzinfarkt oder sterben bei einem Autounfall. Das ist die eine Ebene der Unsicherheit, die in der einen oder anderen Form in der Menschheitsgeschichte immer gleich bleiben wird.

Die andere Ebene ist die der strukturellen Veränderungen unserer Gesellschaft. Denken wir etwa an die Stellung der Frau vor 100 Jahren oder daran, dass vor rund 50 Jahren überall noch ein Totalverbot für Homosexualität bestand. Auf dem Arbeitsmarkt sind viele Berufe verschwunden, die es jahrhundertelang gab, dafür gibt es neue Berufe von denen wir vor 30 Jahren noch nicht einmal ahnten, dass es sie geben könnte. Die Digitalisierung brachte auch neue Probleme (z.B. zunehmende Kurzsichtigkeit bei Jugendlichen, Suchtgefahr, Abdriften in Parallelwelten, Verlust des Realitätsbezuges) mit sich und neue Gefahren und Abhängigkeiten. So wäre ein Stromausfall in den 1950-er Jahren vergleichsweise bedeutungslos gewesen, während ein Stromausfall über mehrere Tage heutzutage durchaus zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führen könnte, weil einfach gar nichts mehr funktionieren würde, keine Supermarktkasse, keine Tankstelle, keine Bankfiliale, keine Müllabfuhr, keine Heizung, …

Das sind nur ein paar der Unsicherheiten, die wir in unserer Gesellschaft erleben. Eine weitere, sehr wichtige, ist der Verlust von Sinn in vielen unserer alltäglichen Tätigkeiten. Und hier bieten Wissenssysteme wie die Astrologie eine verführerische Alternative. Wir glauben jetzt viel zu wissen, wir glauben klüger zu sein als andere. Auch in der unseriösen Esoterikszene wird häufig „Eingeweihten-Wissen“ verkauft, das gegen die Anfechtungen einer gefährlichen Welt schützen soll. In Wirklichkeit beschützt dieses Wissen nur unser Ego, das sich dann sicher und groß und bedeutungsvoll fühlen kann. „Ich weiß es besser“, ist wohl das Gefühl, in dem viele dann schwelgen. Käme Armageddon und stürzte ein riesiger Meteorit auf die Erde, weiß ich allerdings nicht, worin die Befriedigung bestünde, das ein paar Wochen oder Monate früher gewusst zu haben. Denn tot wären wir dann alle. Jedenfalls auf der physischen Ebene.

Unser Wissen kann uns wie ein Schutz erscheinen, es betäubt eine Weile unsere Ängste und Unsicherheiten. Wenn wir Wissen so einsetzen, wird es uns allerdings schwächen, denn wir können nur durch das Erleben von Unsicherheit, Furcht und Machtlosigkeit wirklich wachsen. Nur dadurch gewinnen wir innere Stärke und sind in der Lage zu reifen. Der Konflikt, die Auseinandersetzung, die tiefe Krise sind die Motoren unserer Entwicklung. Während alles rund läuft, wachsen wir nicht. Und alles Glück der Welt, wenn es nur lange genug dauert, wird uns irgendwann langweilig und schal.

So mancher Astrologe glaubt auch, er könne das Schicksal austricksen, indem er sich auf einen wichtigen Transit vorbereitet und dann zum Beispiel ganz viele „saturnische“ Dinge tut. Ja, es kann ein wenig helfen, sich auf den Steinbock-Archetyp einzulassen, aber wenn wir darob den Kontakt zu uns selbst verlieren und nicht mehr auf unsere fünf Sinne und unsere innere Stimme vertrauen, laufen wir dennoch Gefahr, in Bildern und Vorstellungen hängen zu bleiben und an dem, was unsere Seele wirklich bräuchte, vorbei zu gehen.

Gefahr der Selbsthypnose

Einerseits sind unsere gedanklichen Vorstellungen nicht die Wirklichkeit, andererseits haben sie aber doch die Fähigkeit unsere Wirklichkeit zu beeinflussen. Dies geschieht einerseits über selektive Wahrnehmung, andererseits aber auch durch subtile Beeinflussung unseres Gegenübers.

Wenn ich zutiefst überzeugt bin, dass Flüchtlinge gefährlich sind, werde ich in der Wirklichkeit auch beständig Belege dafür finden. Gehe ich davon aus, dass sie genauso sind wie wir, werde ich auch das in der Realität bestätigt finden. In Verbrechensstatistiken zeigt sich ein ähnliches Phänomen. Vor kurzem wurde eine Kriminalitätsstatistik für Wien veröffentlicht, die zeigte, dass Menschen sich im 10. und 11. Wiener Gemeindebezirk am unsichersten fühlen. Das entspricht unseren Vorannahmen über diese Bezirke. In der Realität werden jedoch im 1. Wiener Bezirk die meisten Verbrechen begangen und zur Anzeige gebracht, jenem Bezirk, in dem die Menschen sich am sichersten fühlen.

Ebenso sind Terroranschläge seit den 1970-er Jahren in Europa massiv gesunken (vgl. Die Geschichte des Terrors in Westeuropa), obwohl die meisten Menschen wohl etwas anderes vermuten würden.

Psychologen haben beispielsweise festgestellt, dass Lehrer, die bestimmte Schüler für langsam und wenig intelligent halten, diese anders behandeln als solche, die sie für begabt halten. Dadurch bestätigen sich im Lauf der Zeit ihre Vorurteile und der für langsam gehaltene Schüler wird ganz allmählich anfangen, sich selbst für langsam und dumm zu halten (zit. nach Tracy Marks).

Ebenso dürfte es in der Astrologie häufig vorkommen, dass wir einem Menschen mit bestimmten astrologischen Vorurteilen begegnen und gar nicht mehr so genau hinhören, was er eigentlich sagt. Dann heißt es oft nur: „Da spricht wieder die Jungfrau!“ oder „typisch Skorpion, denkt immer nur an Sex!“ Wie sehr wir Menschen damit verletzen und, sollten es Klienten sein, sogar beeinflussen und in ihrer Entwicklung hemmen können, ist uns oft gar nicht bewusst. Wenn aber eine astrologische Beratung dazu führt, dass sich ein Klient WENIGER mit sich selbst auseinandersetzt, seine eigenen Sinne nicht mehr gebraucht und keine Lösungen jenseits astrologischer Vorurteile mehr sucht, dann ist etwas schiefgelaufen. Dann haben wir in gewisser Weise diesem Menschen Gewalt angetan.

Gefahr des Machtmissbrauchs

Schon aus dem Grund sollten wir mit Prophezeiungen und Aussagen über die Zukunft sehr sehr vorsichtig umgehen! Denn, ob wir das wollen oder nicht, Klienten schreiben uns eine gewisse Macht, Weisheit und einen größeren Überblick zu. Das erzeugt auch eine höhere Verantwortung, die wir uns zu missbrauchen hüten sollten!

Es gibt leider einige Astrologen, die sich von dieser äußeren Machtzuschreibung blenden lassen und damit ihr Ego noch weiter aufblähen. Sie wähnen sich spirituell weiterentwickelt als ihre „niederen“ Mitmenschen und glauben, sich diesen gewöhnlichen Menschen und vielleicht auch weltlichen Gesetzen nicht mehr aussetzen zu müssen. Wozu sollen wir uns noch mit denen abgeben, die ohnehin nicht auf unserer Bewusstseinsebene sind? All die Kritiker, die Wissenschaftler da draußen, sie sind ja längst nicht so weit und so weise wie wir, wozu sich also mit ihrer Kritik überhaupt noch auseinandersetzen? Spätestens an der Stelle haben wir dann den Kontakt zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen und vielleicht sogar zur Realität verloren.

Wir vergessen dabei, dass der tiefste und erfüllendste Kontakt mit anderen Menschen nicht aus dem Verstand kommt, sondern von Herz zu Herz geschieht, durch direkten Augenkontakt, durch die Offenheit unseres Herzens und durch direkten Ausdruck. Vielleicht könnten wir sogar pathetisch formulieren: „Ein einziger Tropfen Liebe ist bedeutsamer als ein Ozean Verstand.“

Ein guter Astrologe dagegen ist sich bewusst, dass er über das Leben des Klienten überhaupt nichts weiß. Zwar können wir im Geburtshoroskop gewissen Tendenzen und Themen erkennen, wie der konkrete Mensch diese Anlagen aber erlebt, was er daraus gemacht hat und welche konkreten Erfahrungen sein Leben ausmachen, wissen wir nicht. Wir müssen uns das schildern lassen, genau hinhören und unser Herz berühren lassen, um wirklich zu verstehen und letzten Endes hilfreich sein zu können. Vorschnell eine Konstellation zu nennen und dem Klienten unser Buchwissen aufzuzwängen, wird lediglich unserem Ego, aber nicht dem Klienten helfen.

Von Klientenseite mag es nur wenige Menschen geben, die sich wirklich gründlich und tief mit sich selbst auseinandersetzen wollen und von denen, die das wollen, werden wohl die meisten einen Psychotherapeuten aufsuchen und nur sehr wenige einen Astrologen. Es könnte leider wahr sein, dass viele Menschen heute pseudo-astrologischen Unsinn à la AstroTV erwarten und nur wissen möchten, wann „DAS“ endlich vorbei ist, aber nicht, was sie selbst tun könnten, um eine Konstellation oder einen Transit optimal zu nutzen. Die Zielgruppe derer, die von seriöser Astrologie profitieren können und wollen, dürfte verschwindend gering sein. Aber Erkenntnis, Weisheit und Liebe konnten wohl historisch noch nie auf den Hauptstraßen oder in heutiger Terminologie, im Mainstream, gefunden werden…

Literatur

Marks, Tracy (2002).  Astrologie der Selbst-Entdeckung. Iris Bücher.

Bildnachweis

Die Bilder stammen von pixabay.com, die Astro-Grafiken wurden mit der Software Sarastro erstellt.

Persönliche Beratung

Astrologische Beratung Stefan HofbauerEine astrologische Beratung ist in vielen Lebenssituationen hilfreich, insbesondere dann, wenn Sie sich in einer Phase der Neuorientierung befinden oder wenn Sie das Gefühl haben, mehr aus Ihrem Potenzial machen zu können. Für eine individuelle Beratung bereite ich mich ausgiebig vor und beantworte, so gut es mir möglich ist, alle Fragen Ihres konkreten Anliegens. Weitere Informationen zu Ablauf und Kosten einer Beratung finden Sie hier.

Dieser Beitrag hat 31 Kommentare.

  1. Lieber Stefan Hofbauer!

    Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel! 

    Das Hinhören und Hinfühlen macht den guten „Handwerker“ aus. Jedoch benötigt es ein entsprechendes Gegenüber dazu.

    Dasselbe durfte ich bei einem Schreiner erleben. „Was möchtest Du für eine Wohnzimmereinrichtung?“ Er hörte ganz ruhig und lange zu und ich dachte mir schon, weil er nie etwas dazwischen sagte: „Nimmt der schon wahr, was ich ihm da erzähle?“ Aber genau das hat er getan. Als er dann begonnen hat zu sprechen, waren das alles schon Vorschläge, die meine Ideen erweitert und verbessert haben. Auch hat er ganz klar gesagt, welche Idee von mir, nicht zum Ziel meiner Vorstellung führen wird. Vor allem bei der Wahl der Farben. Ich mag mein Wohnzimmer heute noch und bin immer wieder begeistert, wie schön UND funktional es ist. 

    Ich war so begeistert und sagte ihm das auch. Er gab mir zur Antwort: „Ich kenne keinen Kunden, der sich selbst so viele Gedanken über die Details seiner Einrichtung gemacht hat, wie es aussehen soll und wie er es nutzen möchte. Es ist eine Herausforderung für mich, bereitet mir selbst aber sehr viel Freude.“ 

    Die Prinzipien, auf Kunden- und Lieferantenseite scheinen in allen Lebensbereichen leider zu sehr dieselben zu sein. Die meisten Kunden erwarten, dass der Handwerker ihnen sagen soll, wie ihre „Einrichtung“ aussehen soll. Wie etwas zu sein hat. Schade, denn so kann der erfahrene Handwerker sein Erfahrungspotential gar nicht zum Einsatz bringen. „Einrichtungen“ werden und bleiben „Standards“.

    • Liebe Frau Ammann,
      vielen Dank für den schönen und bestärkenden Kommentar.
      Ja, es ist leider wahr, dass viel zu viele Menschen ihre Verantwortung gerne an den Nächstbesten abgeben und sich dann wundern, wenn sie das nicht zufrieden macht. Das erklärt wohl den großen Erfolg der Schaumschläger sowohl in der Esoterikszene als auch in der Politik.
      Beste Grüße,
      Stefan Hofbauer

  2. Hallo Herr Hofbauer,

    ganz herzlichen Dank für diesen Artikel…. er enthält so viel Wahrheit… wenn ich das jetzt in diesem Zusammenhang so nennen darf.
    Wenn wir ALLE in dieser Weise Wahrnehmen und auch denken würden, sähe unser Planet anders aus.

    Aber besser einer als keiner 🙂
    Ich lese Ihre Artikel immer alle sehr gerne und sie sind immer eine tolle Anregung für mich.
    Freundliche Grüße aus Deutschland.
    Claudia

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