Mein Unbehagen mit der Astrologie

Menschen, die mich gut kennen, wissen, dass mir eine seriöse und ethisch betriebene Astrologie ein Herzensanliegen ist. Umso mehr leide ich darunter, wenn immer wieder Astrologinnen und Astrologen elementarste ethische Grundsätze missachten und auch die Regeln unserer Kunst so sehr dehnen, dass man das Ergebnis kaum noch seriös nennen kann. Wenn einige Kollegen davon ausgehen, dass unsere Disziplin eines Tages wieder wissenschaftlich werden könnte, müsste auch innerhalb der Astrologie noch sehr viel geschehen. Es reicht nicht, mit irgendwelchen astrologischen Begriffen zu hantieren, um als Astrologe hilfreich sein zu können. Wir müssen auch gewisse Grundkenntnisse beherrschen und ethische Standards einhalten.

Ein beispielhafter Anlassfall

Vor wenigen Tagen erhielt ich eine E-Mail, in der ich gefragt wurde, wann denn Saturn jetzt endlich aus dem Zeichen Krebs heraus ginge. Da Saturn aktuell im Steinbock transitiert, dachte ich zunächst, der so Anfragende hätte sich verschrieben. Doch dem war nicht so! Der Mann hatte seine Information von einem Astrologen mit einer ganz hohen „Trefferquote“, der schon das ganze Jahr vor den gefährlichen Konstellationen im Krebs warnte. Mir ist bis heute unklar, was dieser Kollege gemeint haben könnte, da sich aktuell kein Planet im Tierkreiszeichen Krebs befindet. Und den aufsteigenden Mondknoten kann er ja wohl nicht meinen.

Meine abschließende Mitteilung an den Anfragenden war, dass Astrologen, die mit Begriffen wie „Trefferquote“ und „Stör-Planet“ hantieren, wohl kaum seriös sein können. – Danach habe ich nie wieder etwas von dem Mann gehört. Astrologen, die von „Trefferquoten“ sprechen, gehen nämlich in der Regel davon aus, dass man konkrete zukünftige Ereignisse mithilfe der Astrologie prognostizieren könnte. Das ist allerdings schon deshalb unmöglich, da sich eine Auslösung (Transit, Progression,…) auf verschiedensten Ebenen manifestieren kann. So kann beispielsweise ein Saturn-Transit über die Sonne als Einsamkeitsgefühl erlebt werden, als Bedürfnis nach Rückzug, als Zeit erhöhter beruflicher Anstrengung oder verminderter Möglichkeiten oder auch als Trennung, Herzerkrankung oder ähnliches. Woher wollen wir als Astrologen wissen, auf welcher Ebene sich so ein Transit manifestiert? Wir sind schließlich keine Hellseher! Wann immer also ein Astrologe von „Trefferquote“ spricht, sollten wir ob des Weltbildes dieses Astrologen misstrauisch werden.

Astrologen als Angstmacher

Gerade aktuell sind solche Aussagen besonders problematisch, weil Menschen, die wenig Ahnung von Astrologie haben und sich mit diffusen Ängsten herumschlagen, oft sehr beunruhigt sind über die kommende Saturn-Pluto-Konjunktion im Jänner 2020. Und selbst professionelle Astrologen sind in ihrer Wortwahl teilweise so unsensibel, dass sie diese Angst noch fördern. So las ich Anfang Oktober in einer Fachzeitschrift von den „dunklen Zeichen Skorpion und Steinbock“, von „kentern“ und „trüben Aussichten“. Andere sprechen von Zusammenbrüchen, Finanzkollaps und massiven Naturkatastrophen. Nicht alle, aber sehr viele Astrologen, projizieren ihre eigenen Ängste in diese Konstellation und finden Worte, die in der Lage sind, Menschen Angst zu machen. Sollen wir so als hilfreich und unterstützend erlebt werden?

Leider benutzen die gleichen Astrologen alle paar Jahre eine andere Konstellation, um die selben Horrorszenarien zu prophezeien. Vor ein paar Jahren war das das Uranus-Pluto-Quadrat, aktuell ist es die Saturn-Pluto-Konjunktion und ich gehe jede Wette ein, dass es Mitte des kommenden Jahrzehnts die Saturn-Neptun-Konjunktion Anfang Widder sein wird, vor der sie warnen!

Die Angst-Keule zu schwingen, scheint in Astrologenkreisen gut zu funktionieren. Und es ist verantwortungslos und kontraproduktiv, wenn wir als Disziplin jemals ernst genommen werden wollen! Wobei ich an der Stelle einräumen muss, dass solche Angst auch Wirtschaftsforscher, Politikwissenschaftler und Meteorologen zu erzeugen in der Lage sind. Nur begründen letztere ihre Prognosen meistens besser. Astrologen tun das nur selten. Da wird lieber prophylaktisch mit der Angstkeule geschwungen, das bringt Klicks und zahlende Kunden. Im Grunde war das jahrhundertelang die Strategie der Katholischen Kirche: Angst schüren und im Nachsatz anbieten, dass die Kirche helfen kann.

Astrologen, die hier nicht ethischer handeln, verdienen es meines Erachtens, dass Wissenschaftler sich über sie lustig machen!

Ignoranz als Projektion?

A propos Wissenschaft. Es gibt ja auch in der Astrologie ein paar Leute, die unsere Disziplin voranbringen wollen. So haben Dieter Koch und Bernhard Rindgen schon im Jahr 2000 das Buch „Lilith und Priapus – die ‚Schalen‘ des Menschen“ vorgelegt. In diesem Buch zeigt Dieter Koch, wie man die Apsiden, Lilith und Priapus, mittels Interpolation sehr genau berechnen kann und er erklärt auch, wieso die mittlere Lilith oft bis zu 5 Grad von der tatsächlichen Position des Apogäums (=Lilith) abweicht. Allein, der Großteil der Astrologen verwendet noch heute die mittlere Lilith! Wir sind hier also genauso ignorant wie wir es den Wissenschaftlern, die die Astrologie als unsinnig erachten, vorwerfen (vgl. Artikel Lilith und Priapus). Berechnen lässt sich diese interpolierte Lilith unter anderem mit der Software Sarastro (dort als „natürliche Lilith“ bezeichnet).

Lilith wirft Fragen auf

Erst heute morgen las ich in einer Fachzeitschrift die Besprechung eines Horoskops einer Frau. Die Autorin benutzte die mittlere Lilith und interpretierte nachfolgend die Lilith-Saturn-Konjunktion. Zur Kontrolle berechnete ich die viel genauere interpolierte Lilith und sah auf einen Blick, dass Lilith in recht enger Konjunktion mit Neptun, aber eindeutig nicht mehr in Konjunktion mit Saturn stand. Viele der Ableitungen, die die Autorin in ihrer Interpretation machte, waren also falsch. Im Übrigen konnte man so gut wie alle ihre Aussagen auch mit anderen Konstellationen begründen.

Wenn nun der Großteil der Astrologen mit der mittleren Lilith zu guten Ergebnissen kommt, obwohl Lilith gar nicht dort steht, stellt das für mich sehr vieles in Frage. Ich bin schon deshalb vor einiger Zeit dazu übergegangen, Lilith überhaupt nicht mehr zu verwenden. Und dafür gibt es sogar noch ein anderes Argument: wenn die Apsiden, also die Erdnähe und Erdferne des Mondes eine so große Bedeutung im Horoskop haben sollen, warum zeichnen wir diese Erdnähe und -ferne nicht auch von allen anderen Planeten ins Radix ein?

Ich gebe zu, astronomisch sind Lilith und Priapus bedeutsam und zwar für Finsternisse. Steht nämlich Lilith in der Nähe der Sonne, wenn eine ansonsten totale Sonnenfinsternis stattfinden würde, so wissen wir, dass es sich dann um eine ringförmige und keine totale Sonnenfinsternis handelt, weil der Mond zu weit weg ist, um die Sonnenscheibe während der Finsternis komplett zu bedecken. Für die Radix-Interpretation scheint mir Lilith aber keinerlei Bedeutung zu haben. Auch müssten mir jene Astrologen, die von der Wichtigkeit Liliths überzeugt sind, erst einmal nachweisen, dass man ihre mit Lilith getroffenen Aussagen durch keine andere Konstellation treffen könnte.

Das Radix als Rorschach-Test?

Abb. 1. Rorschach-Test.

Bei diversen Horoskop-Besprechung selbst der Profis – also derjenigen, die regelmäßig in Fachzeitschriften schreiben – könnte einem bisweilen schwindlig werden. Man sucht dort oft vergeblich nach einer profunden und systematischen Horoskop-Deutung, die nachvollziehbar wäre. Stattdessen wird einfach die Biografie eines Politikers oder Stars von Wikipedia abgeschrieben und versucht, Konstellationen zu finden, die darauf schon irgendwie passen.

Diese Astrologen benutzen das Radix dann wie einen Rorschach-Test. Das sind jene projektiven Tests in der Psychologie, die dazu verwendet werden, das Unbewusste eines Menschen aufzudecken. Je nachdem, was jemand in einem Tintenklecks sieht, erhalten wir Hinweise darauf, womit sich sein Geist beschäftigt.

Einige Astrologen scheinen auch Horoskope so zu benutzen, sie interpretieren mehr hinein, als sie in der Lage sind herauszulesen! Keine Spur von systematischer Deutung der Anlage, es wird einfach darauf los fantasiert. Noch schlimmer sind nur jene Astrologen, die Horoskope einfach erfinden. Statt dass sie zugeben, dass im Fall einer Firmengründung, eines Landes, einer Person keine Geburtsdaten vorliegen, legen sie einfach willkürlich fest 0:00 Uhr oder 12:00 Uhr mittags zu nehmen und zeichnen dennoch (!) Häuser ein, die sie dann auch noch interpretieren.

Es kommt mir so vor, als würde hier die Astrologie dazu benutzt, eine Meinung zu untermauern, vielleicht auch, um besonders klug dazustehen. Anstatt ein Radix systematisch und genau zu deuten und Hypothesen zu überprüfen, wird so lange gesucht, bis man die richtige Konstellation findet, die man dann aufbläht, um die vorgefasste Meinung zu bestätigen. Auf diese Art und Weise werden wir aber niemals ernst genommen werden. Und so arbeitend, haben wir es auch nicht anders verdient!

Ethik-Richtlinien

Die österreichischen Astrologen haben sich 2006 auf Ethik-Richtlinien geeinigt, die die Basis guter Astrologie darstellen sollten. Es bleibt zu hoffen, dass möglichst viele, am besten alle, sich diesen Richtlinien verpflichtet fühlen!

Grundsätzlich gibt es in der psychologischen Astrologie keine „schlechten“ Konstellationen. Jede einzelne Konstellation beinhaltet Möglichkeiten und Potenziale. Und oft sind es sogar die besonderes „guten“ Konstellationen (z.B. harmonische Trigone), die uns kaum wachsen lassen, weil wir uns hier gerne auf den Lorbeeren ausruhen und keinerlei Spannung und inneren Konflikt erleben. Dem Menschen aber, der ernsthaft willens ist, sich mit seinem eigenen Inneren auseinanderzusetzen, bietet die Astrologie hervorragende Chancen, seine Möglichkeiten zu erweitern und sich weiterzuentwickeln.

Auch für uns Astrologen wäre es wahrscheinlich überaus nützlich, uns hin und wieder in Frage zu stellen, eigene Forschungen anzustellen und nicht einfach wahllos aus allen möglichen guten und schlechten Astrologie-Büchern abzuschreiben.

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Astrologische Beratung Stefan HofbauerEine astrologische Beratung ist in vielen Lebenssituationen hilfreich, insbesondere dann, wenn Sie sich in einer Phase der Neuorientierung befinden oder wenn Sie das Gefühl haben, mehr aus Ihrem Potenzial machen zu können. Für eine individuelle Beratung bereite ich mich ausgiebig vor und beantworte, so gut es mir möglich ist, alle Fragen Ihres konkreten Anliegens. Weitere Informationen zu Ablauf und Kosten einer Beratung finden Sie hier.

Bildnachweis

Die Bilder stammen von pixabay.com, die Astro-Grafiken wurden mit der Software Sarastro erstellt.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare.

  1. Lieber Stefan Hofbauer, 

    Sie sprechen mir aus dem Herzen. Und dafür danke ich Ihnen.
    Ich will, wie Sie, immer weiter Lernen, und in Achtung und Respekt vor der Integrität und Würde jedes Menschen versuchen, Möglichkeiten und Wege, statt Schrecken, kaum haltbare Projektionen und eitle Prophetie zu verbreiten.
    Ihre Artikel lese ich mit Interesse und Freude. Danke. 

    Vielleicht habe ich das Glück, Ihnen einmal zu begegnen oder von Ihnen Lernen zu dürfen.
    Ich beschäftige mich seit etwa dreissig Jahren mit Astrologie nach Döbereiner, bin aber mehr und mehr auch an der psychologischen Astrologie interessiert, falls man das überhaupt so trennen kann und sollte…

    Ganz liebe Grüße aus dem Mühlviertel,

    Ihr
    Martin Zels

  2. Hallo Herr Hofbauer,

    ich finde Ihren Artikel hervorragend und erhellend. Was mir auffällt ist allerdings, dass sich die psychologische Astrologie darauf zu spezialisieren scheint für alle Deutungen offen zu sein – so wie Dieter Hildebrandt einmal sagte: „Wer nach allen Seiten offen ist – der ist irgendwo undicht“. Auch die Interpretationen und vor allem die Deutungssprache scheinen sich tatsächlich im Kreis zu drehen – nix ist fix ! Du hast überall Entwicklungspotential ! Was soll das bitte , das hilft doch niemanden . Die Erwartungshaltung an einen Astrologen ist nach wievor eine andere : Wann verliebe ich mich , wann erbe ich etwas , wie steht es mit meinen Kindern usw . Also bei Venus in 7 oder in 8 oder Jupiter in 5 

    Mehr will niemand von einem Astrologen wissen – das ist die einfache Wahrheit ! Alles andere mündet in eine Psychotherapie , welche  einer anderen Begleitung bedarf – wenn selbige astrologisch begleitet ist , dann allerdings umso besser !

    Übrigens – ich schätze die Beiträge auf Ihrer Seite sehr !

    mfg

    Edgar Klein

    • Hallo Herr Klein,

      Sie scheinen sich sehr wenig mit psychologischer Astrologie beschäftigt zu haben. Dass die Deutungen nach allen Seiten offen sind, ist im Grunde der Vorwurf der wissenschaftlichen Skeptiker gegen die Astrologie. Im Falle der psychologischen Astrologie stimmt er einfach nicht. Ganz im Gegenteil. Die psychologische Astrologie ist sehr gut darin, präzise Muster der Kommunikation, der Schwerpunktsetzungen im Leben und sogar der frühkindlichen Erfahrungen zu beschreiben.
      Dass die Erwartungen an Astrologen häufig so sind, wie Sie schreiben, kann ich teilweise bestätigen. Aber nur weil KlientInnen unreife und total unrealistische Erwartungen haben, müssen wir als Astrologen da nicht mitspielen. Hilfreicher ist es dennoch zu beschreiben, wie ein Partner sein müsste, dass er den eigenen Wünschen und Bedürfnissen entspricht oder welche Art Job zu einem Menschen passt und welche nicht. Würde ich eine Frage, der Art: „Wann finde ich einen Partner“, mit einer präzisen Zeitangabe beantworten, überschätzte ich meine Möglichkeiten als Astrologe maßlos, hätte den Klienten entmündigt und verdiente zu Recht jeden Spott von Skeptikern.

      Mit freundlichen Grüßen,
      Stefan Hofbauer

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