Lilith kritisch betrachtet

Lilith und ihre Stellung im Horoskop könnten am ehesten ein Hinweis darauf sein, wo wir unserem Mond und damit unseren emotionalen Bedürfnissen am stärksten entfremdet sind. Sie kennzeichnete damit also jenen Punkt im Horoskop, wo uns Bedürfnisse, Gefühle und Herkunft am schwersten zugänglich sind.

Lilith ist in der Astrologie ein sehr junger Faktor. Im deutschsprachigen Raum wird er erst seit 1985/1990 ins Horoskop mit eingezeichnet. Als erdfernster Punkt der Mondumlaufbahn ist sie kein Himmelskörper, sondern ein errechneter (sensitiver) Punkt. Dementsprechend kommt Lilith eher ein Hinweischarakter zu. Worauf sie aber genau hinweist, darüber streiten sich die Astrologen.

Im Folgenden möchte ich die Lilith-Mythen noch einmal etwas detaillierter betrachten, um anschließend einige Vermutungen über die mundane Bedeutung der Lilith anzustellen.

Ich bitte um Nachsicht, dass meine hier ausgeführten Betrachtungen da und dort von früheren Artikeln in diesem Blog abweichen werden. Dies rührt daher, dass ich mich erst kürzlich sehr intensiv mit Lilith auseinandersetzte und in früheren Artikeln möglicherweise etwas unkritischer aus der vorhandenen Literatur zitierte.

Der Anima/Animus-Begriff bei C.G. Jung

Kocku von Stuckrad (2009) merkt in seinem Buch über Lilith kritisch an, dass das Frauenbild von C.G. Jung sehr verzerrt war. Allerdings dürfte er doch in einem Punkt Recht behalten, dass nämlich jeder Mann das Bild einer Frau bzw. weibliche Persönlichkeitsanteile (Anima) in sich trägt und jede Frau das Bild des Mannes sowie männliche Persönlichkeitsanteile (Animus).

Etwas differenzierter weist in diesem Zusammenhang der Jungianer Johnson (2013) darauf hin, dass wir jeweils zwei Bilder des Männlichen und Weiblichen in uns tragen.

  • die Heilige und die Hure als weibliche Bilder
  • den Ritter auf dem weißen Pferd und den wilden/primitiven Mann als männliche Bilder

Johnson meint, dass das insbesondere deshalb relevant ist, weil Männer dazu neigen, die „Heilige“ zu heiraten, während sie sich insgeheim doch ein Leben lang nach der Hure sehnen. Für Frauen gilt vielleicht analog das Gleiche.

Starke Frauen machen sehr vielen Männern Angst. Und vielleicht ist das der Grund, warum die große Göttin, aus der sich Lilith ableitet, letztendlich im Christentum zur völlig asexuellen und nicht-körperlichen Madonna mit Jesuskind wurde. Frauen jedoch, die sich ihrer Weiblichkeit und ihrer Kraft bewusst waren, landeten zumindest im Mittelalter reihenweise auf dem Scheiterhaufen.

Diese außergewöhnlich barbarische und grausame Tötungsmethode war wohl direkt proportional zur Angst der Männer vor den Frauen. Heute noch werden starke Frauen als Feministinnen und Huren diffamiert und verleumdet.

Und erst neulich habe ich mich gefragt, warum eigentlich so viele heterosexuelle Männer so große Angst vor starken Frauen zu haben scheinen und „Mäuschen“ heiraten, die ihnen weder bildungsmäßig, noch von ihrer Persönlichkeit her das Wasser reichen können. Umgekehrt scheinen schwule Männer starke Frauen geradezu zu vergöttern. Was mag das wohl über die Balance unserer inneren Männlichkeit und Weiblichkeit aussagen?

Kocku von Stuckrad weist darauf hin, dass C.G. Jung das Weibliche komplett als Polarität des Männlichen gesehen bzw. konstruiert hat. Alles was nicht männlich ist, ist weiblich. Es handelt sich also um eine negative Definition. Beispiele für Jungs Zuschreibungen für Frauen, insbesondere für – wie er es nannte – Animus-besessene Frauen:

  • unlogische Launen
  • Kompensation für Wagnisse, Anstrengungen, Opfer, die alle mit Enttäuschungen enden
  • illusionserregende Verführerin
  • sentimental und ressentimenthaft
  • irrationale Launen
  • Eitelkeit und Empfindlichkeit

Während also der Mann, im Sinne der psychischen Ganzwerdung (Individuation) seine Anima integrieren müsse, würde sich laut C.G. Jung eine Frau, die ihren Animus zu leben versuchte, nur lächerlich machen. Der Animus entspricht damit bei Jung einer grotesken Zerrform des Männlichen.

„Es ist prinzipiell unmöglich, die ungeteilte Wirklichkeit der Großen Göttin mit dem Jungschen Vokabular zu erfassen; aber gerade das fordert Lilith von uns. Und wenn wir uns nicht damit begnügen, den Ausdruck der weiblichen Kraft als fehlgeleiteten Animus oder neurotisch gelebte Anima zu disqualifizieren, sondern uns dem unerschöpflichen Potential der Göttin öffnen wollen, müssen wir eine neue Sprache lernen, eine Sprache, die dem Thema gerecht werden kann.“ (von Stuckrad, 2009, S. 22)

Kocku von Stuckrad meint, dass wir Lilith nur verstehen können, wenn wir sie aus der matriarchalen Perspektive verstehen. Damit meint er eine nicht spaltende Betrachtungsweise, in der der weibliche Aspekt der Gottheit zumindest gleichgestellt, wenn nicht sogar dem männlichen übergeordnet ist. Im Matriarchat gäbe es seiner Auffassung nach keinen Kampf zwischen den Geschlechtern. Dies sei erst die (spätere) Erfindung des patriarchalen Denkens. Vielleicht fordert Lilith von uns genau diese Überwindung des dualistischen Denkens.

Lilith – Zuschreibungen in der bisherigen Literatur

Obwohl Lilith astrologisch ein außergewöhnlich junger Faktor ist, scheint sie doch auf Seiten der Astrologinnen und Astrologen eine Lücke zu füllen. Darauf weist jedenfalls die große Fülle an Literatur zum Thema Lilith hin. So finden sich bei amazon mehr als 11.000 Titel, die die Lilith im Namen führen (!). Nur sehr wenige dieser Bücher dürften auch nur halbwegs wissenschaftlich fundiert sein.

Hier eine kleine Auswahl der Begriffszuschreibungen, die mit Lilith verbunden wurden:

  • Himmelskönigin
  • Große Göttin
  • Rebellion
  • Dämon
  • Freiheit
  • Unabhängigkeit
  • Weiblichkeit
  • Jungfrau
  • Matriarchat
  • Ent-Identifikation
  • Aggressivität
  • Mütterlichkeit
  • Erotik/Sexualität
  • Macht über Leben und Tod
  • Gleichberechtigung
  • Opferbereitschaft

Lilith Mythen

Lilith, Burney Relief
Abb. 1. Burney Relief oder „Queen of the Night“, British Museum. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Lilith

Die große Göttin ist eine sehr vielfältige Figur. Allerdings wird diese Vielfalt erst im Kontext patriarchalen (spaltenden) Denkens zum Problem. Es ist gut möglich, dass alte Kulturen keinerlei Widerspruch sahen zwischen einer Göttin, die am Schlachtfeld tausende hinmetzelt, während sie wenig später für ihre mütterliche und partnerschaftliche Liebe gepriesen wird.

Vier Aspekte der Göttin sind laut Kocku von Stuckrad in den verschiedenen Mythen zentral (und zwar in dieser Reihenfolge!):

  • Die aggressive Göttin
  • Die erotische Göttin
  • Die mütterliche Göttin
  • Die Himmelskönigin

„Wenn wir allerdings das umfangreiche Material berücksichtigen, das wir über die Göttin Ischtar, Inanna, Isis oder auch Anat kennengelernt haben, so drängt sich die Vermutung auf, dass zumindest jene überregional bedeutsamen Göttinnen alle Repräsentantinnen eines kosmischen Prinzips sind, das mit dem Titel Große Göttin am besten charakterisiert wird.“ (von Stuckrad, 2009)

In babylonischen Erzählungen finden wir die Attribute der Lilith eng verknüpft mit der Göttin Ishtar. Lamaschtu und Lilitu scheinen erste Abspaltungen dieser Göttin im vorchristlichen Jahrtausend zu sein. Die Göttin Lamaschtu bzw. Ishtar wird mit dem Löwen in Zusammenhang gebracht, mit großer Kraft und der Macht zur Zerstörung. Sie scheint damit der indischen Göttin Kali nicht ganz unähnlich zu sein. Schon in dieser frühen Zeit wurde sie bisweilen mit der Macht Kinder zu töten in Verbindung gebracht. Sie quälte sie bald mit Hitze und Feuer, bald mit Fieber und Kälteschauern und nur durch Amulette, Beschwörungen und andere magische Techniken konnte man sich gegen ihren Angriff schützen.

Einer dieser Bannsprüche stand auf einer Sphinx aus dem siebten vorchristlichen Jahrhundert, die sich in Arslan Tasch befand: „Fliegerin im dunklen Gemach, geh weg, geschwind, geschwind, Lilit!“

Gleichzeitig wurde die Göttin aber auch immer wieder als Himmelskönigin und geflügelte Ishtar beschrieben, sie wurde mit Weisheit (Eulen) und der herausragenden Kraft des Löwen assoziiert (vgl. Abb. 1).

In den apokryphen Schriften der Bibel heißt es, dass Adams ursprüngliche Frau Lilith hieß, die gleich ihm aus Erde gemacht war. Sie begannen miteinander zu streiten, weil Lilith beim Sex nicht unter Adam liegen wollte. Adam wollte der Überlegene sein. Lilith aber vertrat den Standpunkt, dass sie beide gleich seien, weil sie beide aus Erde gemacht worden wären. Sie wollte sich daher nicht unterwerfen. Nachdem es zu keiner Lösung zwischen den beiden kam, rief Lilith den spezifischen Namen Gottes (es gibt im Judentum sehr viele verschiedene Namen für Gott) an, erhob sich in die Lüfte und floh. Gott wollte sie daraufhin mit drei Engeln zurückholen. Lilith aber weigerte sich und sprach: „Lasst mich allein, denn ich bin für nichts geschaffen worden, außer Kinder zu schwächen.“  (Traugott, 2009)

Im Verlauf der Geschichte wurde Lilith schließlich zu einem bösen Dämon stilisiert. Insbesondere im Mittelalter sagte man ihr nach, dass sie Kinder stehle und ermordete.

Durch diese wahrscheinlich sehr verzerrte Sichtweise können wir annehmen, dass der Lilith-Mythos möglicherweise verstümmelt wurde oder wichtige Teile fehlen könnten. Und darüber hinaus ist fraglich, ob nicht sehr viele dieser Mythen völlig falsch überliefert wurden. Wir dürfen nicht vergessen, dass es sich teilweise um Erzählungen handelt, die mehr als 4000 Jahre alt sind! Was können wir wirklich zuverlässig über diese Zeit wissen und wo spielen uns unsere eigenen Projektionen und Phantasien einen Streich?

Vielleicht sollten wir gänzlich anders ansetzen, nicht mythologisch, sondern astronomisch? Damit würden wir Lilith als einen Punkt sehen, der eng mit der Mondbahn verknüpft ist. Lilith ist ja astronomisch der erdfernste Punkt der Mondbahn. Entsprechend könnten wir für die Deutung annehmen, dass wir dort, wo die Lilith steht, am weitesten von unserem Mond entfernt sind.

Lilith Kritik

Christopher Weidner meint in seinem Artikel, dass viele Astrologen alles Mögliche auf Lilith projizieren würden. Und das scheint mir auch so.

Wenn ich zum Beispiel Hannelore Traugotts Buch lese, so sehr ich sie als Autorin und Astrologin auch schätze, frage ich mich, wo eigentlich der Unterschied zwischen ihrer Lilith-Deutung und der Deutung Plutos liegt.

Peter Fraiss (persönliches Gespräch) meint, dass Lilith und ihre Stellung im Horoskop wohl am ehesten ein Hinweis darauf ist, wo wir unserem Mond und damit unseren emotionalen Bedürfnissen am stärksten entfremdet seien. Lilith kennzeichnete also jenen Punkt im Horoskop, wo mir meine Bedürfnisse, meine Emotionalität und meine Herkunft am schwersten zugänglich ist. In diesem Bereich weiß ich am wenigsten von mir selbst.

Man könnte Lilith, so betrachtet, als einen Hinweis auf unseren emotionalen blinden Fleck sehen.

Ein Mensch mit Lilith im 7. Haus würde dementsprechend seine emotionalen Bedürfnisse insbesondere in neuen Begegnungen am wenigsten spüren. Ein anderer mit Lilith im 9. Haus täte sich dementsprechend besonders schwer, seine Bedürfnisse hinsichtlich Bildung und weltanschaulichen Fragen zu spüren. Bei der Stellung mit Lilith im 2. Haus könnte es der Betreffende schwer finden, seine Bedürfnisse hinsichtlich Abgrenzung, materieller Sicherheit und körperlicher Stabilität zu spüren.

Lilith mundanastrologisch

Betrachten wir, um die obige Hypothese zu prüfen, einige Länderhoroskope.

Beispiel 1: USA

USA
Abb. 2. USA Staatshoroskop, 4.7.1776. 16:47 Uhr, Philadelphia, PA

Im Horoskop der USA steht Lilith im 9. Haus. Der emotionale blinde Fleck ist im Bereich der Weltanschauung zu finden.

Der Mond im 3. Haus weist auf ein Bedürfnis nach Kommunikation und Beweglichkeit hin. Er möchte sich innovativ, modern, revolutionär und technologisch fortschrittlich (Mond in Wassermann) erleben.

Im Bereich der Weltanschauung entsteht aber oft der gegenteilige Eindruck, beim Festhalten an puritanischen Ansichten, der Ablehnung notwendiger Reformen oder auch bei völlig veralteter Infrastruktur in den großen Städten.

Beispiel 2: Österreich

oesterreich II republik
Abb. 3. Österreich II. Republik, 15.5.1955, 11:31 MET.

Im Horoskop der II. Republik steht Lilith im 4. Haus. Der emotionale blinde Fleck ist hier im Bereich des Wesens, der Wurzeln zu finden.

An sich gehen die emotionalen Bedürfnisse der Österreicher in Richtung Begegnung, Austausch und Neugier auf das Andersartige (Mond im 7. Haus). Und dies auf eine innovative, erneuernde, technikinteressierte und moderne Art und Weise (Mond in Wassermann).

Tatsächlich finden wir aber in unserem Land häufiger eine „Wir sind Wir-Mentalität“, ein Verleugnen unserer historischen Wurzeln oder ein sentimentales Träumen von einer besseren Zeit, als wir noch jemand waren in dieser Welt.

Beispiel 3: Deutschland

Deutschland Horoskop
Abb. 4. Deutschland, 3.10.1990, 0:00 Uhr, Berlin

Im Horoskop Deutschlands finden wir den Mond im 9. Haus im Zeichen Fische. Vielleicht könnte man das so deuten, dass dieses Land emotional das Bedürfnis hat, Werte vorzugeben, eine Prophetenrolle einzunehmen und der Welt seine Weisheit mitzuteilen.

Mit Lilith im 5. Haus dürfte der Ausdruck oft weniger gut gelingen. Was tatsächlich bei anderen Ländern ankommt, verströmt oft weniger die Gelassenheit des Fische-Mondes, als eine unangenehm schulmeisterliche Strenge. Besonders deutlich war das im Zusammenhang mit der griechischen Staatsschulden-Krise.

Beispiel 4: Russland

Russland Horoskop
Abb. 5. Russland, 12.6.1990, 21:45 UT, Moskau.

Der Mond im Horoskop Russlands befindet sich im Wassermann und im 12. Haus. Ausdruck eines Bedürfnisses nach Spiritualität, Transzendenz und Hingabe auf eine tolerante, moderne und fortschrittliche Art und Weise.

Lilith steht im 8. Haus im Skorpion und obendrein in enger Konjunktion mit Pluto. Eine mögliche Deutung wäre, dass das Land von Angst erfasst wird, überall dort, wo es um Verbindlichkeit (8. Haus) geht. Mit der Gelassenheit und spirituellen Weite ist es dann schnell vorbei und es entsteht der Eindruck einer gewissen Zwanghaftigkeit und Härte.

 

Literatur

Johnson, Robert A. (2013). Das Gold im Schatten. Impulse für die seelische Ganzwerdung. Peter Hammer Verlag.

Stuckrad, Kocku von (2009). Lilith. Im Licht des schwarzen Mondes zur Kraft der Göttin. Aurum Verlag.

Traugott, Hannelore (2009). Lilith. Eros des Schwarzen Mondes. Edition Astrodata.

Weidner, Christopher A. (1999). Keine Gnade für Lilith! Eine neue Chance für den Schwarzen Mond. In Fachzeitschrift Meridian, Ausgabe 5/1999.

Bildnachweis

Die Bilder stammen von pixabay.com, die Astro-Grafiken wurden mit der Software Sarastro erstellt.

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